Der wahre Kern

Zeittafel zur politischen Geschichte Italiens und Frankreichs
in Simoninis Lebenszeit (1830-1898)
von Burkhart Kroeber

 

1830

Beginn der Julimonarchie unter König Louis-Philippe I. in Frankreich

1831

Giuseppe Mazzini gründet in Marseille den Geheimbund »Junges 
Italien« (Giovine Italia), nach dessen Vorbild 1834 in Bern die 
Geheimbünde »Junges Deutschland« und »Junges Polen« gegründet und als »Junges Europa« zusammengeschlossen werden.

1833

Giuseppe Garibaldi schließt sich Mazzinis Geheimbund an; sie organisieren diverse Aufstände – 1834 im Piemont, 1843 in Bologna, 1844 in Kalabrien, 1845 in Rimini –, die alle niedergeschlagen werden.

1846

Papst Pius IX. beginnt sein Pontifikat mit relativ liberalen Reformen im Kirchenstaat.

1847

Graf Camillo Benso di Cavour und andere Liberalkonservative gründen in Turin die Zeitschrift Il Risorgimento, die für eine Einigung 
Italiens unter Führung des Hauses Savoyen mit König Carlo Alberto von Piemont-Sardinien eintritt.

1848

Januar:  Aufstände in Mailand gegen die Habsburger- und in Neapel gegen die Bourbonenherrschaft.

Februar:  Februarrevolution in Frankreich, Beginn der Zweiten Französischen Republik.

März:  Märzrevolutionen in Deutschland, Österreich, Ungarn, Oberitalien: Am 18. März erhebt sich Mailand gegen die Habsburger und erklärt den Anschluss der Lombardei an das Königreich Piemont-Sardinien, am 23. März ruft Daniele Manin in Venedig die Repubblica di San Marco aus, schon am 4. März hat Carlo Alberto Piemont-Sardinien zur konstitutionellen Monarchie erklärt, es folgen Verfassungen im Kirchenstaat, im Königreich beider Sizilien (Neapel) und im Großherzogtum Toskana.

April:  Anfang April: Zur Unterstützung Lombardo-Venetiens zieht die 
Armee von Piemont-Sardinien unter Carlo Alberto in den Krieg gegen Österreich, den sie nach ersten Erfolgen jedoch am 25. Juli in der Schlacht bei Custoza gegen Feldmarschall Radetzky verliert (Erster Italienischer Unabhängigkeitskrieg). Lombardo-Venetien fällt zurück an Österreich.

Juni:  Am 24. Juni kommt es in Paris zu einem Arbeiteraufstand, der blutig niedergeschlagen wird. Beginn der Konterrevolution in Frankreich.

Dezember:  Am 10. Dezember wird Louis Bonaparte mit großer Mehrheit (75 % der Nationalversammlung) in das neu eingerichtete Amt des französischen Staatspräsidenten gewählt.

1849

Februar:  Am 9. Februar wird in Rom (aus dem der Papst im November 1848 nach anhaltenden Unruhen und einem Attentat auf seinen Ministerpräsidenten in das bourbonische Gaeta geflohen ist) von Giuseppe Mazzini die Römische Republik ausgerufen und zu ihrem Schutz eine Revolutionsarmee unter Garibaldis Führung aufgestellt.

Februar/März:  Mitte Februar wird der toskanisch-habsburgische Erzherzog 
Leopold II. gestürzt und auch die Toskana zur Republik ausgerufen, 
die sich mit der Römischen Republik zusammenschließt. Als 
daraufhin österreichische Truppen eingreifen, erklärt Piemont-
Sardinien am 12. März Österreich erneut den Krieg, den es jedoch am 23. März in der Schlacht von Novara erneut verliert, woraufhin Carlo Alberto noch am selben Abend zugunsten seines Sohnes 
Vittorio Emanuele II. abdankt.

April:  Am 24. April landet eine Interventionsarmee aus französischen und spanischen Truppen unter Führung von General Oudinot mit zehn Kriegsschiffen in Civitavecchia. Vom Papst zu Hilfe gerufen, soll sie dessen Herrschaft im Kirchenstaat wiederherstellen. Garibaldis Truppen können sie zwar zurückschlagen, aber nach monatelanger 
Belagerung muss die Republik am 30. Juni vor der Übermacht 
kapitulieren. Mazzini flieht ins Exil nach England, Garibaldi nach New York. Französische Truppen bleiben als Schutzmacht des 
Papstes bis 1870 in Rom.

August:  Am 6. August schließt Vittorio Emanuele II. in Mailand einen 
Friedensvertrag mit Österreich, am 22. kapituliert die Stadtrepublik Venedig vor den Truppen Radetzkys. Damit sind die Hoffnungen auf eine italienische Einigung vorerst begraben.

1850

Nach den gescheiterten Revolutionen von 1848/49 bleibt das Königreich Piemont-Sardinien die einzige konstitutionelle Monarchie in Italien, und seine Hauptstadt Turin entwickelt sich immer mehr zum Zentrum der italienischen Einigungsbewegung. Graf Cavour, einer ihrer wichtigsten Protagonisten, macht nun rasch Karriere: Im Oktober wird er Minister für Landwirtschaft und Handel, ein halbes Jahr später steigt er zum Finanzminister auf, und ab 2. November 1852 ist er Ministerpräsident von Piemont-Sardinien.

1851

Am 2. Dezember schwingt sich Louis Bonaparte durch einen Staatsstreich zum faktischen Alleinherrscher in Frankreich auf, um genau ein Jahr später, am 2. Dezember 1852, das Zweite Kaiserreich zu 
gründen und sich unter dem Namen Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen auszurufen.

1854/1855

Am 27. März erklären Frankreich und Großbritannien dem 
Russischen Reich den Krieg, nachdem sie ihre Mittelmeerflotten bereits im Juni 1853, bei Ausbruch des Krieges zwischen Russ­land und dem Osmanischen Reich, vor die Dardanellen und 
im Januar 1854 ins Schwarze Meer entsandt hatten. Im Mai landen 
die alliierten Truppen bei Warna, der Krimkrieg hat begonnen. 
Cavour sieht darin eine Chance, die Position seines Landes inter-
national aufzuwerten, um Verbündete für die italienische Eini-gung zu gewinnen. So kommt es, dass Piemont-Sardinien sich 
dem britisch-französischen Bündnis anschließt und 1855 im 
Januar in den Krieg gegen Russland eintritt, der nach verlust­reichen Land- und Seeschlachten erst am 30. März 1856 mit dem 
Frieden von Paris endet. Durch die Teilnahme an diesem Krieg hat Cavour die Position Piemont-Sardiniens erfolgreich gestärkt und Frankreichs Sympathie für die Sache der italienischen Einheit 
gewonnen.

1859

Ermutigt durch die Zusage Napoleons III., Piemont-Sardinien zu 
beschützen, falls es von Österreich angegriffen wird, provoziert 
Cavour das Habsburgerreich zu einer Kriegserklärung gegen 
Piemont-Sardinien, die im April erfolgt und zum Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg führt. Er beginnt am 29. Mai in der Provinz Novara und endet knapp vier Wochen später, nach sehr verlustreichen Siegen in den Schlachten von Magenta und Solferino, am 24. Juni mit einer Niederlage der Österreicher unter Führung des jungen Kaisers Franz Joseph I. Damit endet die Herrschaft der Habsburger auf der Apenninenhalbinsel (bis auf Venetien), und der Weg zur Einheit unter Führung Piemont-Sardiniens ist – jedenfalls in Norditalien – frei.

1860

Mai:  Am 11. Mai landet Garibaldi mit 1000 Freiwilligen auf zwei Schiffen 
im westsizilischen Marsala, am 15. kommt es zur Schlacht von 
Calatafimi, am 27. zieht er, nach einer verlustreichen Schlacht an der »Admiralsbrücke«, siegreich in Palermo ein und proklamiert sich zum »Diktator« Siziliens im Namen von König Vittorio Emanuele II.

Juli: 
 Nach einem weiteren Sieg am 20. Juli bei Milazzo nahe Messina 
kapitulieren die Bourbonen auf der Insel.

August/September:  Am 19.  August setzt 
Garibaldi mit seiner Armee nach Kalabrien über und rückt ungehindert auf Neapel vor, wo er am 7. September triumphalen Einzug hält.

Oktober:  Den letzten Widerstand der Bourbonen bricht Garibaldis Sieg am 1. Oktober in der Schlacht am Volturno, einem Flüsschen nördlich von Neapel.

Unterdessen hat Cavour in Turin den König bewogen, mit seiner Armee durch den Kirchenstaat nach Neapel zu ziehen, um Garibaldi dort zu begegnen.

September/Oktober:  Am 18. September kommt es zur Schlacht bei Castelfidardo nahe Ancona, in der die päpstlichen Truppen geschlagen werden, womit der Kirchenstaat auf das Gebiet von Rom zusammenschrumpft, und am 26. Oktober kommt es zu jenem berühmten Treffen bei Teano unweit von Neapel, bei dem Garibaldi den König von Piemont-Sardinien als »König von Italien« begrüßt und ihm praktisch ganz Süditalien überreicht.

1861

Am 17. März 1861 wird das Königreich Italien ausgerufen und Vittorio 
Emanuele II. zum König Italiens »durch Gottes Gnade und den Willen 
des Volkes« proklamiert. Cavour hat sein Ziel einer territorialen Einheit Italiens bis auf Rom und Venetien erreicht. Am 6. Juni stirbt er 
überraschend an einem Schlaganfall. Venetien fällt im November 1866 an Italien, nachdem Österreich den Krieg gegen Preußen verloren 
hat, Rom folgt erst am 20. September 1870, nachdem die französischen Truppen wegen des Krieges mit Preußen abgezogen worden sind.

1870

Von Bismarck durch die »Emser Depesche« provoziert, erklärt das Kaiserreich Frankreich am 19. Juli dem Königreich Preußen den Krieg, der zum Deutsch-Französischen Krieg von 70/71 wird.

August/September:  Er 
beginnt am 4. August und führt nach mehreren französischen 
Niederlagen im Elsass, bei Mars-la-Tour und Gravelotte sowie einer 8-tägigen Belagerung von Metz am 1. September zu einer vernichtenden Niederlage Frankreichs in der Schlacht von Sedan, bei der auch Napoleon III. in preußische Kriegsgefangenschaft gerät und am 
2. September (dem späteren Sedantag) die Kapitulation erklären lässt.

Am 4. September proklamiert Léon Gambetta in Paris das Ende des Kaiserreichs und den Beginn der Dritten Republik. Die neue Regierung unter Adolphe Thiers will den Krieg jedoch fortsetzen und ruft das Volk zum »nationalen Widerstand« auf. Daraufhin wird Paris ab dem 19. September von preußischen Truppen belagert und so lange ausgehungert sowie im Dezember auch mit Artillerie beschossen, bis es am 28. Januar 1871 kapituliert. Am 15. Februar wird ein allgemeiner Waffenstillstand geschlossen, aber förmlich endet der Krieg erst mit dem Friedensvertrag am 10. Mai.

Am 20. September haben derweil italienische Bersaglieri durch eine Bresche an der Porta Pia die noch vom Papst regierte Stadt Rom 
erobert. Die französische Schutztruppe hatte sich bereits im Juli nach der Kriegserklärung Frankreichs an Preußen zurückgezogen. Rom wird zur Hauptstadt des Königreiches Italien erklärt. Damit ist die 
italienische Einigung territorial vollendet. Der Papst zieht sich grollend hinter die Mauern des Vatikans zurück.

1871

Während der Belagerung von Paris hat sich dort ein Streben nach größerer kommunaler Autonomie entwickelt, das in wachsenden Gegensatz zur konservativen Regierung Thiers᾽ gerät, besonders in den Reihen der Pariser Nationalgarde, einer 1789 gegründeten Stadtmiliz, die im Gegensatz zur regulären französischen Armee ihre Waffen behalten durfte.

Februar:  Das im Februar gegründete Zentral­komitee dieser Nationalgarde sieht sich immer mehr in die Rolle einer autonomen Stadtregierung gedrängt, die sich der nationalen Regierung widersetzt.

März:  Am 18. März kommt es zur offenen Konfrontation: Als die Regierung Truppen nach Montmartre schickt, um 227 Kanonen zu requirieren, die von der Nationalgarde vor den Preußen gerettet und dort in 
Sicherheit gebracht worden waren, weigern sich die Soldaten und laufen zu den Nationalgardisten über. Der die Aktion kommandierende General und ein zufällig vorbeigekommener zweiter werden von den eigenen Soldaten standrechtlich erschossen. Daraufhin flieht die Regierung Thiers᾽ mitsamt der ganzen Verwaltung nach Versailles und überlässt Paris den Aufständischen, d. h. dem Zentralkomitee der Nationalgarde, das jedoch sofort Komunalwahlen ausschreibt.

Am 26. März verkündet der neu gewählte Pariser Gemeinderat (frz. Commune) die allgemeine Volksbewaffnung zwecks Verteidigung der Stadt sowohl gegen die noch immer vor Paris stehenden preußischen Truppen als auch gegen die Truppen der nach Versailles ausgewichenen französischen Regierung. Die Kommune erlässt eine Reihe von Dekreten, sowohl zu sozialen Fragen wie dem Umgang mit Mieterhöhungen und Verpfändungen während der Belagerungszeit als auch zu prinzipiellen Reformen wie der Trennung von Kirche und Staat.

April:  Am 2. April beginnt die Regierung in Versailles, die Kommune militärisch anzugreifen und regelrecht zu belagern. Eine Zeitlang halten die Kommunarden stand, aber sie sind militärisch unerfahren und schlecht organisiert.

Mai:  Am 21. Mai gelingt es den Regierungstruppen, in die Stadt einzudringen und die Nationalgardisten vielerorts zu überwältigen. Es folgt ein verbissener Straßenkampf mit Barrikaden und vielen Toten, die sogenannte blutige Maiwoche bis zum 28. Mai, an dem die letzten Kommunarden auf dem Friedhof Père Lachaise erschossen 
werden. Insgesamt sind in den Kämpfen und anschließenden 
Massenexekutionen rund 30  000 Kommunarden getötet und 40  000 verhaftet worden.

August:  Am 31. August wird Adolphe Thiers zum ersten Staatspräsidenten der Dritten Französischen Republik gewählt.

1873

Am 23. Mai muss Thiers wegen Konflikten mit den Monarchisten zurücktreten, sein Nachfolger wird Marschall Mac Mahon. Die langen Jahre der Restauration und zunehmenden Korruption während der Dritten Republik haben begonnen.

1889

Im Februar muss die Panamakanal-Gesellschaft (Compagnie universelle du canal interocéanique de Panama) Konkurs anmelden. Die Gesellschaft war zehn Jahre zuvor von Ferdinand de Lesseps, dem Erbauer des Suezkanals, gegründet worden, um den Bau des 
Panamakanals zu finanzieren. Um weiterbauen zu können, entschloss sich Lesseps, Kapitalanlagen zeichnen zu lassen, wozu er eine gesetz-
liche Genehmigung brauchte, die seine Teilhaber Baron Jacques 
de Reinach und Cornélius Herz durch Bestechung zahlreicher 
Politiker und Journalisten besorgten. Als die Gesellschaft dennoch bankrottging, verloren rund 800  000 Anleger zusammen rund 
1,8 Milliarden Francs. Die Regierung hielt den Verlust zunächst 
geheim, aber Ende 1892 mussten Ministerpräsident Émile Loubet und Anfang 1893 sein Nachfolger Alexandre Ribot zurücktreten; auch 
der spätere Ministerpräsident Georges Clemenceau sah sich – wie hunderte von Parlamentariern und sechs Minister – mit Korruptions­anklagen konfrontiert. Da Lesseps’ Finanziers Baron de Reinach und Cornelius Herz deutschstämmige Juden waren, wurde der 
Panamaskandal auch von interessierten Kreisen benutzt, um den grassierenden Antisemitismus zu schüren.

1894

September:  Am 25. September findet eine als Putzfrau getarnte Spionin des 
französischen Auslandsgeheimdienstes in einem Papierkorb der deutschen Botschaft in Paris ein zerrissenes Schreiben an den 
deutschen Militärattaché Maximilian von Schwartzkoppen, das eine Liste geheimer militärischer Dokumente enthält (das später sogenannte Bordereau), die der ungenannte Absender dem Empfänger anbietet. Da es sich vor allem um Informationen über die Artillerie handelt, fällt der Verdacht sofort auf den Artillerie-Hauptmann und Generalstabsanwärter Alfred Dreyfus, der aus dem Elsass stammt und als einziger im Generalstab Jude ist.

Oktober:  Am 15. Oktober wird er ins Dienstzimmer seines Chefs Oberst Sandherr bestellt, der ihm ein paar Wörter und Sätzchen diktiert, um seine Handschrift zu prüfen, 
und ihn dann verhaften lässt.

November:  Am 1. November erscheint das antisemi­tische Blatt La Libre Parole mit der Schlagzeile: »Hochverrat! Jüdischer Offizier A. Dreyfus in Haft!«, gefolgt von der Behauptung, Dreyfus 
habe »ein volles Geständnis« abgelegt, man habe den »absoluten 
Beweis, dass er unsere Geheimnisse an Deutschland verraten hat«.

Dezember/Januar:  Am 22. Dezember wird Dreyfus von einem Militärtribunal in 
geheimer Sitzung des Landesverrats für schuldig befunden und zu lebenslanger Verbannung, Degradierung und Ausschluss aus der Armee verurteilt. Es folgt seine öffentlich vollzogene Degradierung im Hof der École Militaire am 5. Januar (über die der als Korrespondent aus Wien angereiste Theodor Herzl ausführlich berichtet), danach wird Dreyfus auf die Teufelsinsel verbracht und dort in Einzelhaft gesperrt.

1896

Nach einem Personalwechsel an der Spitze des Geheimdienstes stößt dessen neuer Chef Oberstleutnant Picquart auf Hinweise, dass der angebliche Beweis für Dreyfus’ Schuld, das sogenannte Bordereau, nicht von Dreyfus, sondern von dem französischen Stabsoffizier 
Major Walsin-Esterházy stammt, der als Spion für die Deutschen 
arbeitet. Doch die Armee will an Dreyfus als dem Schuldigen fest-
halten: Picquart wird von seinen Vorgesetzten erst zum Schweigen verpflichtet und dann nach Tunesien versetzt, später sogar wegen Dienstvergehens bestraft. Dreyfus bleibt weiter verbannt.

1897/98

Dank beharrlichem Insistieren von Dreyfus’ älterem Bruder 
Mathieu, der linke Journalisten und Politiker mobilisiert (»Wer deckt Esterházy?«, fragt Georges Clemenceau wiederholt in seiner Zeitung L’Aurore) und der im November 1897 einen Brief an den Kriegsminis­ter schreibt, in dem er Esterházy als Autor des Bordereau anklagt, muss dieser schließlich einen Prozess gegen sich selbst beantragen, der jedoch am 11. Januar 1898 mit einem Freispruch endet. Die rechte 
Presse frohlockt und gratuliert Esterházy, der »fast ein Opfer der 
Juden« geworden wäre. Zwei Tage später veröffentlicht der berühmte 
Schriftsteller Émile Zola unter der Überschrift J’accuse! (»Ich klage an!«) einen offenen Brief an Staatspräsident Félix Faure auf Seite 1 
von Clemenceaus Zeitung L’Aurore, die dieser in einer Rekord­-
auflage von 300 000 in Paris verteilen lässt. Die Dreyfus-Affäre, 
die Frankreich und Europa für Jahre in »Dreyfusards« und »Anti­dreyfusards« spaltet, ist mit voller Wucht ausgebrochen. Zola wird zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe verurteilt, kann aber rechtzeitig nach England fliehen. Im französischen Parlament gehen Abgeordnete mit Fäusten aufeinander los, Politiker duellieren sich, Familien und Karrieren zerbrechen. Die skandalreiche Dritte Republik hat ihren größten Skandal.

1899

In der Zeitung Le Matin gibt Esterházy zu, dass er das Bordereau geschrieben hat, behauptet aber, er habe es »auf An­weisung seiner Vorgesetzten« getan. Daraufhin wird Dreyfus von der Teufelsinsel 
zurückgeholt und erneut vor Gericht gestellt, jedoch wiederum zu zehn Jahren Haft verurteilt – »Frankreich verschwindet von der Liste der zivilisierten Nationen«, kommentiert die Londoner Daily Mail das Urteil.

1906

Der neue französische Staatspräsident Émile 
Loubet begnadigt ihn zwar, aber erst 1906 wird Hauptmann Dreyfus rehabilitiert, zum Major befördert und sogar mit dem Kreuz der 
Ehrenlegion bedacht. Die nach ihm benannte Affäre ist bis heute in Frankreich umstritten.

 

Burkhart Kroeber übersetzte u.a. Bücher von Umberto Eco,

Italo Calvino, Fruttero & Lucenti und Die Brautleute von Alessandro Manzoni.

 

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