Wahrhaftige Menschen
Historische Personen, mit denen Simonini zu tun hat
von Burkhart Kroeber
Abbé Barruel
Augustin Barruel (1741–1820), französischer Jesuit, Priester und seit 1802 Kanoniker an Notre-Dame de Paris, war ein katholisch-reaktionärer, dem Ancien Régime verhafteter Publizist und Historiker, der zahlreiche Schriften gegen die Aufklärung und die Französische Revolution veröffentlicht hat. Sein 1798–99 erschienenes fünfbändiges Werk Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme (dt. Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus, 4 Bände, Hannover 1800–1804), in dem die Französische Revolution als das Ergebnis einer von langer Hand geplanten Verschwörung der Freimaurer, Aufklärer, bayerischen Illuminaten und sonstigen Atheisten dargestellt wird, fand seinerzeit große internationale Aufmerksamkeit und wurde in viele Sprachen übersetzt.
»Weißt du, mein Junge«, höre ich Großvater sagen, »nachdem der Wahnsinn der Revolution alle Nationen Europas erschüttert hatte, verschaffte sich eine Stimme Gehör, die enthüllte, dass die Revolution nichts anderes gewesen war als das letzte und jüngste Kapitel einer universalen Verschwörung, die von den Templern gegen Thron und Altar geführt wurde, das heißt gegen die Könige, besonders die französischen, und gegen die Allerheiligste Mutter Kirche … Diese Stimme war die des Abbé Barruel, der Ende des Jahrhunderts seine Mémoires pour servir à l’histoire du Jacobinisme geschrieben hatte… « Aus: Der Friedhof in Prag
Hauptmann Simonini sen.
1806 erhielt Barruel einen Brief aus Florenz von einem angeblichen Hauptmann Jean-Baptiste Simonini, der ihn zu seinem Werk beglückwünscht, aber hinzufügt, er habe die besondere Rolle der Juden in der von ihm so glänzend beschriebenen Verschwörung gegen Thron und Altar übersehen. Die Juden seien die wahren Hintermänner der Freimaurerei und aller anderen Verschwörersekten, sie hätten sich sogar in den Klerus der katholischen Kirche eingeschlichen und seien dabei, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Über den Absender dieses Briefes ist nichts weiter bekannt, manche glauben, in Wirklichkeit stamme der Brief von Agenten des französischen Polizeiministers Fouché, der Napoleon von zu engen Kontakten mit den Juden abhalten wollte – hatte dieser doch 1806 eine Versammlung prominenter französischer Juden nach Paris einberufen, die er nach dem höchsten jüdischen Gericht im Altertum den »Großen Sanhedrin« nannte.
Alexandre Dumas
Französischer Großschriftsteller (1802–70), Autor vieler umfangreicher Erfolgsromane, darunter Die drei Musketiere (1843/44), Der Graf von Monte Christo (1845/46), Joseph Balsamo (1846–48), Das Halsband der Königin (1849/50) u. a. m., aber auch zahlreicher Theaterstücke und einiger Reisereportagen, darunter eine Beschreibung der Expedition Garibaldis in Sizilien (Mémoires de Garibaldi, 1860), die er aus der Nähe miterlebt hatte. Als Sohn einer Französin und eines in Frankreich zum General aufgestiegenen Haïtianers (des ersten Farbigen in der französischen Armee) war er in der nordfranzösischen Kleinstadt Villers-Cotterêts aufgewachsen, kam 1822 nach Paris, wo er sich zunächst als Büroangestellter, Journalist und Stückeschreiber verdingte. 1829 hatte er seinen ersten großen Erfolg an der Comédie Française mit dem historischen Stück Henri III et sa cour (Heinrich III. und sein Hof), es folgten weitere Stücke, die er zum Teil in Zusammenarbeit mit Gerard de Nerval verfasste. 1844, mit dem Erscheinen der Drei Musketiere, begann die Reihe der großen Erfolgsromane, die er in Serienproduktion mit einem Stab ungenannter Helfer schrieb. 1847 eröffnete er ein eigenes Theater in Paris, das allerdings drei Jahre später pleiteging, woraufhin Dumas sein 1844 erbautes prachtvolles »Château de Monte-Cristo« verkaufen musste. Von Schuldnern verfolgt, musste er sich sogar zeitweilig ins Ausland absetzen, konnte sich aber dank seiner unermüdlichen Romanproduktion bald wieder erholen. Die Gesamtzahl seiner Werke umfasst rund 600 Bände. (Nebenbei war er auch noch ein großer Gourmet und begabter Koch, der sogar ein Grand dictionnaire de cuisine mit über 3000 Rezepten hinterlassen hat, das erst postum 1873 erschienen ist.)
Im Juni 1860 fuhr Dumas mit seinem privaten Schiff Emma nach Palermo, um Garibaldi mit Geld und Waffen zu unterstützen.
»Seit dem 6. Juni bin ich an Bord der Emma. Dumas hat mich sehr herzlich empfangen. Er trug eine leichte hellbraune Stoffjacke und sah ganz unverkennbar so aus wie das Mischblut, das er ist. Olivbraune Haut, wulstige sinnliche Lippen, helmartiges Kraushaar wie ein Afrikaner. Ansonsten ein lebhafter und ironischer Blick, ein herzliches Lächeln, die pralle Rundlichkeit des bon vivant … Ich erinnerte mich an eine der vielen Legenden, die von ihm erzählt werden: Ein Pariser Stutzer hatte in seiner Gegenwart maliziös auf jene neuartigen Theorien angespielt, die eine Verbindung zwischen Urmensch und niederen Arten sehen. Und er hatte geantwortet: ›Jawohl, mein Herr, ich stamme vom Affen ab. Aber Sie, meine Herren, Sie steigen zu ihm auf!‹« Aus: Der Friedhof in Prag
Giuseppe Garibaldi
Italienischer Freiheitskämpfer und Nationalheld (1807–82). Geboren in Nizza, fährt er in jungen Jahren zur See, tritt aber bereits 1833 dem von Giuseppe Mazzini gegründeten Geheimbund Giovine Italia (Junges Italien) bei, um die nationale Einheit Italiens zu erkämpfen. 1834 wird er nach einem gescheiterten Aufstand in Genua zum Tode verurteilt, kann aber nach Südamerika fliehen, wo er sich an Revolutionen in Brasilien und Uruguay beteiligt, dessen Flotte er 1842 im Krieg gegen Argentinien führt. 1848 Rückkehr nach Europa und Teilnahme am Ersten Italienischen Unabhängigkeitskrieg gegen Österreich. Als Mazzini 1849 die Römische Republik ausruft, übernimmt Garibaldi die Führung der Revolutionsarmee dieser Republik, die jedoch nach monatelanger Belagerung durch die französische Interventionsarmee kapitulieren muss. Erneute Flucht nach Amerika, diesmal nach New York. 1854 zurück in Italien, erwirbt er einen Teil der Insel Caprera bei Sardinien, um sich der Landwirtschaft zu widmen. 1859 nimmt er als General der von ihm gegründeten Cacciatori delle Alpi (Alpenjäger) am Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg teil und trägt zum Sieg in der Schlacht von Solferino bei.
Im Mai 1860 bricht Garibaldi zu seiner berühmtesten Unternehmung auf: der Eroberung des von den Bourbonen in Neapel beherrschten Siziliens und ganz Süditaliens für das neu zu schaffende Königreich Italien. Mit 1000 Freiwilligen auf zwei Schiffen fährt er im Auftrag des piemontesischen Königs nach Sizilien, geht in Marsala an Land und zieht nach weniger als drei Wochen siegreich in Palermo ein (»Zug der Tausend«). Vier Monate später hat er auch Neapel erobert und das bourbonische Heer in der Schlacht am Volturno endgültig geschlagen. Als er Köng Vittorio Emanuele II. bei Teano trifft, kann er ihm ganz Süditalien zu Füßen legen – womit er sich gegen eine von den Mazzinianern gewünschte Republik und für das von dem piemontesischen Ministerpräsidenten Cavour gewollte Königreich Italien entschieden hat.
Diesem Königreich fehlt allerdings noch Rom, das vom Papst beherrscht und von französischen Truppen beschützt wird, weshalb es Cavour nicht besetzen lassen will, um keinen Konflikt mit Napoleon III. zu riskieren, der sich als Beschützer des Katholizismus geriert. Garibaldi verzichtet auf einen Weitermarsch nach Rom und setzt sich auf Caprera zur Ruhe. Als er im Juni 1862 erneut mit einem Expeditionsheer zur Befreiung Roms aufbricht, findet er zwar begeisterte Anhänger in Sizilien, aber beim Marsch durch Kalabrien wird seine Truppe am 29. August im Gebirgsmassiv des Aspromonte von einer königlichen Armee unter General Pallavicino gestoppt, es kommt zu einer kurzen Schießerei, bei der Garibaldi verletzt wird, und kurz darauf ist die »Schlacht am Aspromonte« beendet. Der König gewährt den Beteiligten eine Amnestie, Garibaldi muss sich operieren lassen und zieht sich nach Caprera zurück. 1867 macht er einen erneuten Versuch zur Befreiung Roms, diesmal von Florenz aus, unterliegt jedoch am 3. November in der Schlacht bei Mentana (Latium) den von Franzosen verstärkten päpstlichen Truppen.
Drei Jahre später ist Garibaldi von neuem als Heerführer unterwegs, diesmal in Frankreich, wo er während des Deutsch- Französischen Krieges 1870–71 die neue französische Republik im Burgundischen mit einer Armee von Freiwilligen unterstützt. Nach dem Krieg wird Garibaldi, der sich auch für die Pariser Kommune eingesetzt hat, als Deputierter mehrerer französischer Departements (darunter Paris und Nizza) in die neue französische Nationalversammlung gewählt. Er nimmt die Wahl an, demissioniert dann aber, da er mit der konservativ-restaurativen Dritten Republik nichts anfangen kann, und zieht sich auf die Insel Caprera zurück. Dort stirbt er – weltweit verehrt und zugleich politisch vereinsamt – am 2. Juni 1882.
»Ich betrachtete den Helden [Giuseppe Garibaldi] mit jenem Misstrauen, das ich seit dem Tod meines Vaters für Helden empfinde. Dumas hatte ihn mir wie einen Apoll beschrieben, und nun erschien er mir eher von bescheidener Statur, nicht blond, sondern gelblich, mit kurzen O-Beinen und, nach seiner Gangart zu schließen, von Rheumatismus geplagt. Ich sah, wie er mühsam aufs Pferd stieg, unterstützt von zweien seiner Leute.
Gegen Ende des Nachmittags versammelte sich unter dem Palast eine Menschenmenge und schrie: ›Viva Dumas, viva Italia!‹ Der Gefeierte war sichtlich gerührt, aber ich hatte den Eindruck, dass die Sache von Garibaldi organisiert worden war, der die Eitelkeit seines Freundes kennt und die versprochenen Gewehre braucht. Ich mischte mich unter die Menge und versuchte zu verstehen, was sie in ihrem Dialekt sagten, der mir so unverständlich vorkommt wie das Palaver der Afrikaner, aber einen kurzen Dialog habe ich doch verstanden: Einer fragte einen anderen, wer denn dieser Dumas sei, den sie da hochleben ließen, und der andere antwortete, das sei ein tscherkessischer Prinz, der in Gold schwimme und gekommen sei, um Garibaldi sein Geld zur Verfügung zu stellen.«
Aus: Der Friedhof in Prag
Nino Bixio
Italienischer Freiheitskämpfer (1821–73), Garibaldis Stellvertreter und engster Mitarbeiter während dessen Herrschaft in Sizilien 1860. Er hatte bereits 1848 am Aufstand in Genua teilgenommen, in Venetien gegen Österreich gekämpft und 1849 unter Garibaldi die Römische Republik verteidigt. Nach Errichtung des Königreichs Italien behält er seinen Rang als Generalleutnant, nimmt 1866 am Dritten Italienischen Unabhängigkeitskrieg teil, desgleichen 1867 an Garibaldis Versuch zur Befreiung Roms (wobei er in der Schlacht von Mentana in Gefangenschaft gerät, aber fliehen kann) und ist auch im September 1870 bei der Einnahme Roms mit dabei. Seit 1861 war Bixio außerdem Abgeordneter im italienischen Parlament, wo er mehrmals zwischen Garibaldi und Cavour vermittelt. 1870 wird er zum Senator des Reiches ernannt, beginnt aber dann eine zweite Karriere als kommerzieller Seefahrer und stirbt im Dezember 1873 an Cholera während einer Fahrt nach Niederländisch-Ostindien.
»Habe Nino Bixio wiedergesehen, während er durch die Stadt ritt. Nach dem, was die Leute sagen, ist er der wahre militärische Anführer der Expedition. Garibaldi zerstreut sich, denkt immer an das, was morgen getan werden muss, ist tapfer beim Angriff und zieht die anderen mit, aber Bixio denkt an die Gegenwart und stellt die Truppen auf. Während er vorbeiritt, hörte ich einen Garibaldiner neben mir zu einem Kameraden sagen: ›Schau mal, wie stechend er dauernd umherblickt. Sein Profil ist scharf wie ein Säbel. Bixio! Schon der Name klingt wie ein Blitzschlag.‹« Aus: Der Friedhof in Prag
Ippolito Nievo
Italienischer Dichter und Schriftsteller (1831–61), geboren in Padua, aufgewachsen in Mantua und Verona als Sohn einer venezianischen Beamtenfamilie. Nach Jurastudium in Pavia und Padua engagiert er sich für die Befreiung Italiens von Österreich und die nationale Vereinigung, arbeitet zeitweilig als Journalist für die Wochenzeitung Il Caffé und beginnt bereits vor seinem Examen 1855 mit dem Schreiben von Gedichten und Romanen. 1856 erscheint sein Erstling Angelo di bontà (dt. Ein Engel an Güte, übersetzt von Barbara Kleiner, Manesse, München 2010), eine Geschichte aus der Spätzeit der Republik Venedig im 18. Jahrhundert. Sein Hauptwerk Le Confessioni di un Italiano (dt. Bekenntnisse eines Italieners, ebenfalls übersetzt von Barbara Kleiner, Manesse, München 2007) konnte jedoch erst postum 1867 unter dem Titel Le Confessioni di un ottuagenario (Bekenntnisse eines Achtzigjährigen) erscheinen, da man vor dem Begriff »Italiener« damals in konservativen Kreisen noch zurückschreckte.
Aber Nievo kämpfte nicht nur als Literat, sondern auch als Soldat für die Einigung Italiens: 1859 beteiligt er sich als einer der Frewilligen in Garibaldis Cacciatori delle Alpi am Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg, und 1860 nimmt er an Garibaldis »Zug der Tausend« teil, wobei er die Aufgabe hat, als dessen Vizeschatzmeister die Kontobücher der Expedition zu führen. Um diese nach Turin zu bringen, schifft er sich am 4. März 1861 auf der betagten Ercole nach Genua ein, aber das Schiff hat niemals sein Ziel erreicht, und so bleiben die Todesumstände des Hauptmanns Nievo bis heute ungeklärt.
»Habe mich jetzt mit meinem Empfehlungsschreiben zu diesem Hauptmann Ippolito Nievo begeben. Er ist ein Geck mit einem gepflegten Schnauzer und einem Fliegenbärtchen unter der Lippe, und er gebärdet sich als Träumer. Eine Pose, denn während wir redeten, kam ein Freiwilliger herein, um mit ihm über irgendwelche Decken zu sprechen, die requiriert werden sollten, und Nievo antwortete ihm wie ein pingeliger Buchhalter, seine Kompanie habe doch schon letzte Woche zehn Decken requiriert. ›Was macht ihr denn mit den Decken? Esst ihr sie?‹, fragte er. Und: ›Wenn du noch mehr essen willst, schicke ich dich zum Verdauen in eine Zelle.‹ Der Freiwillige salutierte und verschwand.« Aus: Der Friedhof in Prag
Eugène Sue
Französischer Romanschriftsteller und engagierter Sozialist (1804–57), zu seiner Zeit einer der bekanntesten und erfolgreichsten Romanciers in Frankreich, Autor der populären Romane Die Geheimnisse von Paris (1842/43) und Der Ewige Jude (1845), die zuerst als Fortsetzungsromane in Tageszeitungen erschienen. Aufgewachsen als Sohn eines angesehenen Pariser Arztes, geht er 1825 zur Marine, macht als junger Schiffsarzt ausgedehnte Seereisen, die ihn bis in die Südsee führen, kehrt 1828 nach Paris zurück und beginnt für Zeitungen über Malerei und modische Themen zu schreiben. 1830 erbt er von seinem Vater ein Vermögen, das ihn für einige Jahre unabhängig macht. Die 1830er Jahre verbringt er noch mehr oder minder als Dandy, aber dann beginnt er sich mehr und mehr für die Probleme der Industrialisierung und des Proletariats zu interessieren. Dies führt zur Publikation der Mystères de Paris, die von Juni 1842 bis Oktober 1843 fast täglich in der Zeitung Le Journal des Débats erscheinen – ein figuren- und handlungsreiches Porträt der Gesellschaft, in dem sich zahllose Leser wiederzuerkennen glauben (und in das sie auch oft mit Vorschlägen oder Forderungen eingreifen). Zentrale Figur ist ein Graf von Gerolstein, der sich wie Harun al- Raschid incognito unters Volk mischt, um einzugreifen, wo es ihm nötig scheint. Nach demselben Muster, aber in dem eher linken Blatt Le Constitutionel erschien danach von Juni 1844 bis Oktober 1845 der Roman Der Ewige Jude.
An der Februarrevolution 1848 beteiligt sich Sue aktiv als linker Journalist, 1850 wird er ins Parlament gewählt, aber nach dem Staatsstreich von Louis Bonaparte im Dezember 1851, bei dem er auch kurz verhaftet wird, muss er nach Savoyen emigrieren, das damals noch piemontesisch war. Dort entsteht sein letzter Roman, Die Geheimnisse des Volkes, der in Form zahlreicher kleiner Bände bis zu Sues Tod 1857 erscheint.
»Da wegen der sogenannten loi Riancey keine Fortsetzungsromane in Zeitungen mehr gedruckt wurden, war dieses letzte Werk von Sue [Die Geheimnisse des Volkes] in kleinen Bändchen erschienen, die jeder durch die strengen Hände vieler Zensoren gehen mussten, inklusive der piemontesischen, so dass es schwierig gewesen war, sie alle lückenlos zu bekommen. Ich erinnere mich, dass ich mich beim Lesen tödlich gelangweilt habe, denn es ging um eine verschlungene Geschichte zweier Familien, einer gallischen und einer fränkischen, von der Frühgeschichte bis zu Napoleon III., wobei die Franken die bösen Herrscher sind und die Gallier seit Vercingetorix allesamt Sozialisten, aber Sue war nun einmal, wie alle Idealisten, besessen von einer fixen Idee.« Aus: Der Friedhof in Prag
Maurice Joly
Radikaldemokratischer Autor, Aktivist und Anwalt (um 1829–1878), Verfasser zahlreicher Polemiken gegen und Satiren auf Napoleon III., für die er mehrmals ins Gefängnis musste. Sein bekanntestes Werk ist der 1864 in Brüssel gedruckte Dialogue aux Enfers entre Machiavel et Montesquieu ou la politique de Machiavel au XIXe siècle, par un contemporain (»Dialog in der Hölle zwischen Machiavelli und Montesquieu oder die Politik Machiavellis im 19. Jahrhundert, von einem Zeitgenossen« – deutsch erschienen als Ein Streit in der Hölle. Gespräche zwischen Machiavelli und Montesquieu über Macht und Recht, aus dem Französischen von Hans Leisegang, Eichborn, Frankfurt a. M. 1990), ein verkappter, aber für Zeitgenossen leicht erkennbarer Angriff gegen Napoleon III., der des zynischen Despotismus angeklagt wird. Da offene Kritik am Regime des Kaisers in Frankreich verboten war, inszenierte Joly einen Dialog in der Hölle, wo er Machiavelli als typischen Vertreter zynischer Machtpolitik mit Montesquieu als typischen Vertreter des Liberalismus über die Aufgaben und Ziele der Politik diskutieren lässt. Dabei vertritt Machiavelli erkennbar die Ansichten und Methoden Napoleons III.: Despotismus sei die einzige Regierungsform, die dem gesellschaftlichen Zustand der modernen Völker entspreche. Die Mehrheit des Volkes sei einfach nicht fähig, sich selbst demokratisch zu regieren, und brauche daher einen starken Mann. Politik habe noch nie etwas mit Moral zu tun gehabt, und nie sei es leichter gewesen, eine despotische Herrschaft zu errichten. Der moderne Herrscher brauche dem Volk nur den bloßen Schein der Selbstregierung zu gewähren, dann werde er nicht die geringste Schwierigkeit haben, die absolute Macht zu erlangen. Das Volk werde sich bereitwillig seinen Entscheidungen fügen, da es glaube, es habe sie selbst getroffen. Mit oppositionellen Kräften werde er leichtes Spiel haben: Für die Presse gebe es die Zensur, für politische Gegner die strenge polizeiliche Überwachung und das Gefängnis.
Das anonym in Brüssel erschienene Buch sollte nach Frankreich eingeschmuggelt und klandestin verbreitet werden, es wurde jedoch gleich hinter der Grenze von der Polizei beschlagnahmt. Auch der Autor war bald identifiziert und verhaftet. Im April 1865 wurde Joly zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Seine späteren Jahre, auch nach dem Ende des Zweiten Kaiserreichs, verbrachte er glücklos und zunehmend verbittert als oppositioneller Autor und Kritiker der Verhältnisse. Im Juli 1878 fand man ihn tot in seiner Pariser Wohnung; man nimmt an, dass er Selbstmord begangen hat.
›Sich für ein notwendiges Element in der Ordnung des Universums zu halten ist für uns Freunde der guten Literatur dasselbe wie der Aberglaube für die Illiteraten. Man ändert die Welt nicht mit Ideen. Leute mit wenig Ideen sind weniger anfällig für den Irrtum, sie machen, was alle tun, und stören niemanden, und sie reüssieren, werden reich, erlangen gute Positionen, als Abgeordnete, Ordensträger, angesehene Schriftsteller, Akademiker, Journalisten. Kann man dumm sein, wenn man sich so erfolgreich um seine eigenen Angelegenheiten kümmert? Der Dumme bin ich, der ich gegen Windmühlenflügel kämpfen wollte.‹
Als Joly beim dritten Gang immer noch nicht zur Sache gekommen war, rückte Simonini ein Stück näher an ihn heran und fragte, welches gefährliche Buch er denn bitte geschrieben habe. Und da verbreitete sich Joly über seinen Dialog in der Hölle, und je länger er darüber sprach, desto mehr empörte er sich über die Schandtaten, die er darin angeprangert hatte, und kommentierte und analysierte sie noch ausführlicher als in seinem Buch.« Aus: Der Friedhof in Prag
Henri-Roger Gougenot des Mousseaux
Französischer Rechtskatholik der ultramontanen Richtung (1805– 1876), Autor umfangreicher Werke über Magie, Esoterik, Geheimgesellschaften und Freimaurer sowie besonders über das Judentum in der Geschichte. Sein 1869 erschienenes Buch Le Juif, le judaïsmeet la judaïsation des peuples chrétiens (»Der Jude, das Judentum und die Judaisierung der christlichen Völker«) gilt als ein Grundbuch des modernen Antisemitismus. 1870 bekam er dafür »in Anerkennung seines Mutes« den Segen von Papst Pius IX. sowie einen hohen päpstlichen Orden. 1920 wurde es von Alfred Rosenberg, dem späteren Chefideologen der NSDAP, ins Deutsche übersetzt (Der Jude, das Judentum und die Verjudung christlicher Völker, Hoheneichen-Verlag, München 1921).
Alphonse Toussenel
Französischer Frühsozialist (1803-1885), Schüler von Charles Fourier, Buchautor und Journalist, zeitweilig Chefredakteur der Zeitschrift La Paix, Verfasser zahlreicher Schriften gegen den Kapitalismus angelsächsischer Prägung, den er vom »jüdischen Finanzfeudalismus« der Rothschilds und ähnlichen beherrscht sah. Sein bekanntestes Buch war der erstmals 1845 erschienene, 1888 in 4. Auflage erweiterte Traktat Les juifs, rois de l’époque: histoire de la féodalité financière (»Die Juden, Könige der Epoche: Eine Geschichte des Finanzfeudalismus«), in dem er die Juden für alle Übel der Geschichte verantwortlich macht, vom Mord an Jesus bis zur ökonomischen Versklavung aller Völker, besonders der Arbeiter – wobei er gleich zu Beginn präzisiert: »Mit dem verachteten Namen ›Jude‹ bezeichne ich nicht nur das Volk, sondern jeden Schacherer, jeden unproduktiven Parasiten, der von der Substanz und der Arbeit seines Nächsten lebt. Jude, Wucherer, Geldwechsler sind für mich Synonyme.«
»Guédon zeigte mir auch einen großen, gutaussehenden und charmanten Herrn. ›Das ist Alphonse Toussenel , der berühmte Autor des Buches L’Esprit des bêtes. Sozialist, unbeugsamer Republikaner und närrisch verliebt in Juliette, die ihn keines Blickes würdigt. Aber er ist der brillanteste Kopf hier.‹
Toussenel sprach gerade über den Kapitalismus, der im Begriff sei, die moderne Gesellschaft zu vergiften.« Aus: Der Friedhof in Prag
Juliette Lamessine, später Juliette Adam
Französische Schriftstellerin und Publizistin (1836–1936), Autorin mehrerer Romane, Erzählungen und gesellschaftspolitischer Publikationen, darunter die Schrift Idees antiproudhoniennes sur l'amour, la femme et le marriage (»Antiproudhonistische Ideen über die Liebe, die Frau und die Ehe«, 1858), in der sie für die Selbstbestimmung der Frau eintritt und u. a. ihre Freundin Georges Sand verteidigt. Seit 1868 in zweiter Ehe verheiratet mit dem Rechtsanwalt, Bankier und Abgeordneten der republikanischen Linken Edmond Adam, eröffnet sie einen Salon in Paris, der zu einem Zentrum der liberalen Opposition erst gegen Napoleon III. und dann gegen die Reaktion der Dritten Republik wird, wo sich Politiker wie Léon Gambetta, Adolphe Thiers, Georges Clemenceau usw. mit Literaten wie Gustave Flaubert, Victor Hugo, Guy de Maupassant, Iwan Turgenjew etc. treffen. 1879 gründet Juliette Adam die Zeitschrift Nouvelle Revue, die sie bis 1887 selbst leitet und noch lange darüber hinaus maßgeblich mitbestimmt. Von 1904 bis zu ihrem Tod als fast Hundertjährige lebte sie auf einem Landgut im Südwesten von Paris.
»›Sehen Sie dort die schöne Dame‹, fuhr er fort. ›Das ist Juliette Lamessine , eine der einflussreichsten Frauen im Salon der Comptesse d’Agoult. Sie versucht gerade, mit dem Geld ihres Mannes einen eigenen Salon in der Rue de Rivoli auf die Beine zu stellen. Sie ist bezaubernd, sie ist intelligent, sie ist eine Schriftstellerin von beachtlichem Talent, man wird sich darum reißen, bei ihr eingeladen zu werden.‹« Aus: Der Friedhof in Prag
Jakob Brafmann
Russischer Jude (1825–79), der aus Ärger über die Musterungskommission seiner jüdischen Gemeinde zur orthodoxen Kirche übertrat und sich der Polizei als Spitzel gegen die Juden andiente. Später wurde er Professor für Hebräisch am theologischen Seminar von Minsk. 1866 legt er den Behörden angebliche Dokumente über eine jüdische Geheimorganisation namens »Kahal« vor, 1869 folgt sein Buch vom Kahal, in dem er anhand von Verwaltungsakten der jüdischen Gemeinde in Minsk zu beweisen sucht, dass die Juden einen »Staat im Staate« bildeten, mit dem sie die Christen überall zu ruinieren und dann zu beherrschen trachteten. Das Buch wurde in Russland auf Staatskosten gedruckt und als Leitfaden für den Umgang mit der jüdischen Bevölkerung an die Beamten verteilt. Eine deutsche Ausgabe erschien 1928: Jacob Brafmann, Das Buch vom Kahal. Auf Grund einer neuen Verdeutschung des russischen Originals herausgegeben von Dr. Siegfried Passarge, o. ö. Professor für Geographie an der Universität Hamburg. 2 Bde., Hammer-Verlag, Leipzig.
»Brafmann. Nach den Erzählungen meines Großvaters erwartete ich ein Individuum mit dem Profil eines Geiers, fleischigen Lippen, stark vorspringender Unterlippe wie bei Negern, tiefliegenden und normalerweise wässrigen Augen, die Lider enger zusammen als bei anderen Rassen, welliges oder krauses Haar, abstehende Ohren … Stattdessen begegnete ich einem Herrn von mönchischem Äußeren mit einem großen graumelierten Bart und dichten, buschigen Augenbrauen, die in einer Art mephistophelischer Löckchen endeten, wie ich sie schon bei Russen und Polen gesehen hatte. Wie man sieht, verändert der Glaubensübertritt auch die Gesichtszüge, nicht nur die des Charakters.« Aus: Der Friedhof in Prag
Hermann Goedsche
Deutscher Romancier (1815–78), unter dem Synonym »Sir John Retcliffe« Verfasser umfangreicher »historisch-politischer Romane«, davor preußischer Postbeamter und Lockspitzel der preußischen Geheimpolizei, ab 1848 auch Redakteur der konservativen Neuen Preußischen Zeitung (»Kreuzzeitung«) in Berlin. 1868 veröffentlicht er einen vierbändigen Sensationsroman namens Biarritz, in dessen Band I unter der Kapitelüberschrift »Auf dem Judenkirchhof in Prag« eine geheime nächtliche Versammlung von dreizehn Rabbinern geschildert wird (je ein Vertreter der zwölf Stämme Israels plus ein dreizehnter für die »Verstoßenen und Wandernden«), die auf dem Prager Judenfriedhof den Stand der langjährigen Pläne zur Errichtung einer »jüdischen Weltherrschaft« besprechen. In den folgenden Jahren wird das Kapitel erst mehrmals in Russland, dann auch in Frankreich separat veröffentlicht, als handle es sich um einen Tatsachenbericht. Dabei werden die Reden der dreizehn Rabbiner zu einer einzigen zusammengezogen, die als »Rede des Rabbiners« in antisemitischen Kreisen Furore macht.
»Tatsächlich erklärte er [ Hermann Goedsche ] mir, dass er seinen Roman nicht wegen des Geldes oder anderer Hoffnungen auf irdischen Ruhm schreibe, sondern um die deutsche Rasse von der jüdischen Hinterlist zu befreien.« Aus: Der Friedhof in Prag
Osman-Bey
Internationaler Hochstapler jüdischer Herkunft (gestorben um 1898), der auch unter den Namen Millinger oder Kibridli-Zade auftrat, vermutlich aus Serbien stammte, aber Deutsch schrieb und seine Schriften zumeist in der Schweiz publizierte. Wegen diverser Betrügereien aus halb Europa ausgewiesen, ging er in Athen, Konstantinopel und Alexandria mit antisemitischen Pamphleten hausieren. In seinen Büchern Die Eroberung der Welt durch die Juden (7. Aufl. 1875) und Enthüllungen über die Ermordung Alexanders II. (1886 – laut Walter Laqueur »eines der bemerkenswertesten Bücher, die je außerhalb eines Irrenhauses geschrieben wurden«) benennt er die Juden als Quelle allen Übels seit der Antike. Wie eine unsichtbare und ungreifbare Macht spanne die Alliance Israélite Universelle (eine philanthropische Gesellschaft) ein unsichtbares Netz aus Gold und Stahl über den Globus, während sie selbst im Dunkeln schleiche und auf Mord sinne. »Die allgemeine israelitische Allianz kann nur durch die vollständige Ausrottung der jüdischen Race zerstört werden« (Enthüllungen, S. 192).
Léo Taxil
Französischer Sensationsautor und -journalist (bürgerlicher Name Marie Joseph Gabriel Antoine Jogand-Pagès, 1854–1907), aufgewachsen in Marseille, zunächst bekennender Kirchengegner und Atheist, Herausgeber eines Wochenblatts namens L’Anticlérical und Gründer einer Librairie anticléricale in Paris sowie Verfasser zahlreicher antiklerikaler Spott- und Schmähschriften, darunter einer über Die geheimen Liebschaften von Pius IX., für die er vom Papst verurteilt wurde. 1885, nach einem gescheiterten Versuch, bei den Freimaurern Fuß zu fassen, vollzieht er eine radikale Kehrtwende, erklärt öffentlich seine Konversion zum Katholizismus und verspricht, seine antiklerikale Agitation durch Enthüllungen über die Freimaurer wiedergutzumachen. Ein Jahr zuvor, am 20. April 1884, hat Papst Leo XIII. mit seiner Enzyklika Humanum genus einen Frontalangriff auf die Freimaurerei eröffnet, daher kommt Taxils Angebot dem Vatikan wie gerufen. 1887 wird er sogar zu einer Privataudienz beim Papst eingeladen.
Nach Veröffentlichung einer vierbändigen Geschichte der Freimaurerei (Les Frères Trois-Points, 1885), die weitgehend frei erfunden ist, aber mit Berichten über satanistische Riten und den Luziferkult einer »palladischen Freimaurerei« beeindruckt, sowie einem Buch über weibliche Freimaurer (Les Soeurs Maçonnes, 1886), in dem u. a. eine »Urgroßmutter des Antichristen« vorgestellt wird, beginnt Taxil 1892 zusammen mit einem ehemaligen deutschen Schiffsarzt und Globetrotter namens Karl Hacks, der unter dem Pseudonym »Dr. Bataille« schreibt, eine auf mehrere Jahre und über 200 Folgen angelegte Serie unter dem Titel Le Diable au XIXe siècle (»Der Teufel im 19. Jahrhundert«), die reißenden Absatz und 10 000 Abonnenten findet. Taxils und Batailles Enthüllungen – besonders über eine attraktive junge Amerikanerin namens Diana Vaughan, die angeblich im Alter von zehn Jahren dem Satan geweiht worden war, mit Dämonen verkehrte und schließlich 1895 Memoiren einer Ex-Palladistin veröffentlicht – machen derart Furore, dass sie 1896 im Mittelpunkt eines Internationalen Antifreimaurerkongresses in Trient stehen, an dem 36 Bischöfe und Kardinäle sowie über 700 Geistliche teilnehmen.
Unmittelbar nach diesem Kongress wird Taxil jedoch von der Kölnischen Volkszeitung als Schwindler entlarvt, woraufhin er schließlich selbst am 19. April 1897 während einer spektakulären Veranstaltung im Saal der Pariser Société Géographique vor großem Publikum aufdeckt, dass es sich bei der ganzen Geschichte mit Diana und dem »palladischen« Satanismus um pure Erfindung gehandelt hat. Der »Taxil-Schwindel« (der von manchen noch heute für wahr gehalten und im Internet penibel dokumentiert wird) hatte die französische Öffentlichkeit insgesamt zwölf Jahre in Atem gehalten.
»Und hier begann Taxil mit einer Reihe von Erzählungen, die einem die Haare zu Berge stehen ließen.
Simonini war sich nicht sicher, dass dieser eingefleischte Flausenerfinder ihm keine Märchen erzählte. Er fragte ihn, ob er nicht meine, dass er hier Dinge enthülle, die ein Freimaurer eifersüchtig zu hüten und für sich zu behalten hätte, und ob er das ganze Ritual nicht eher grotesk beschrieben habe. Darauf erwiderte Taxil leichthin: ›Ach, wissen Sie, ich habe keine Verpflichtungen mehr. Diese Idioten haben mich ausgeschlossen.‹
[…] Simonini begriff sofort, dass er, wenn er Taxils narrative Ader anbohrte, pikantes Material für Osman-Bey bekommen würde. Aber in seinem fiebrig arbeitenden Hirn entwickelte sich noch eine andere Idee, erst nur als vage Intuition, als Keim einer Inspiration, aber dann als ein fast in allen Einzelheiten ausgefeilter Plan.« Aus: Der Friedhof in Prag
Abbé Boullan
Joseph-Antoine Boullan (1824–1893), französischer Priester, dem 1875 wegen sektiererischer Lehren und Praktiken die Priesterwürde entzogen wurde, woraufhin er sich auf den Satanskult verlegte. Bereits 1861 wegen sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener, Beleidigung der guten Sitten und finanzieller Betrügereien in der von ihm gegründeten religiösen Kongregation »OEuvre de la Réparation« (Werk der Wiedergutmachung) zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, wird er 1869 vor das Heilige Offizium in Rom zitiert, aber dann freigesprochen. Zurück in Paris, entwickelt er in der von ihm gegründeten Zeitschrift Annales de la Sainteté au XIXe siècle »Annalen der Heiligkeit im 19. Jahrhundert« eine Theorie der »mystischen Substitution«, der zufolge die »âmes réparatrices« (wiedergutmachende Seelen) Sünden begehen müssten, damit die anderen nicht sündigten. Als ihm daraufhin 1875 der Erzbischof von Paris die Erlaubnis zur Ausübung des Priesteramtes entzieht, kehrt Boullan der katholischen Kirche den Rücken und geht nach Lyon, um sich dort zum Oberpriester einer okkultistischen Sekte ausrufen zu lassen, in deren Messen satanistische Riten und Kopulation als liturgische Praxis gepflegt werden. In den 1880er Jahren gerät Boullan zunehmend in Konflikt mit anderen Okkultisten wie Stanislas de Guaita und Oswald Wirth, von denen er 1887 in einem »initiatischen Tribunal« förmlich verurteilt wird, was er für ein faktisches Todesurteil hält, gegen das er sich mit allerlei okkultistischen Zaubereien zu wehren sucht.
1890 lernt Boullan den Schriftsteller Joris-Karl Huysmans kennen, den er zur Figur des Doktor Johannes in dessen Roman Là-bas (1891, dt. Tief unten) inspiriert. Die beiden freunden sich an, und als Boullan 1893 stirbt, angeblich von Guaita verhext, fühlt sich auch Huysmans als Opfer magischer Angriffe und beschuldigt Guaita des okkultistischen Mordes an Boullan. Huysmans ist es auch, dem Boullan seine persönlichen Aufzeichnungen hinterlässt, namentlich seine 1869 für das Heilige Offizium verfasste Confession, die seit 1930 in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt wird.
»Ich entsinne mich [ Boullans ] Worte: […] ›Haben Sie schon einmal dieses Fliegenpapier gesehen, das gerade in Deutschland erfunden worden ist? Es wird in den Konditoreien benutzt, man tränkt ein Papierband mit Melasse und hängt es über die Torten im Schaufenster. Die Fliegen werden von der Melasse angezogen, bleiben auf dem Band kleben und sterben an Erschöpfung oder ertrinken, wenn man das von Insekten wimmelnde Band in einen Kanal wirft. Sehen Sie, und der gläubige Sündenwiedergutmacher muss wie dieses Fliegenpapier sein: Er muss alle Schmach und Schande auf sich ziehen, um dann ihr reinigender Schmelztiegel zu werden.‹« Aus: Der Friedhof in Prag
Édouard Drumont
Französischer Journalist (1844–1917), erst katholisch grundierter Monarchist und Nationalist, dann Hauptvertreter des medial geschürten Antisemitismus. Mit seinem 1886 erschienenen Buch La France juive (»Das jüdische Frankreich «) erregt er internationale Aufmerksamkeit; eine deutsche Übersetzung erscheint noch im selben Jahr unter dem Titel Das verjudete Frankreich und findet ebenfalls reißenden Absatz. 1892 gründet er die Tageszeitung La Libre Parole (»Das freie Wort«), die zum wichtigsten Organ des modernen politischen Antisemitismus wird und in mancher Hinsicht die Methoden des NS-Hetzblattes Der Stürmer vorwegnimmt. Ständig auf der Suche nach Beweisen für seine These von der jüdischen Weltverschwörung, prangert Drumont mit aller publizistischen Schärfe sowohl 1892 den sogenannten Panamaskandal als auch und vor allem 1894 ff. die Dreyfus-Affäre an. Der französische Rechtsintellektuelle Charles Maurras schrieb 1932 in seinem monumentalen Dictionnaire politique et critique: »Wir alle haben unser Werk in seinem Licht begonnen.«
»Simonini war fasziniert von Drumonts antijüdischem Ressentiment. Er hasste die Juden sozusagen aus Liebe, aus freier Wahl, aus Hingabe – aufgrund eines Triebes, der ihm den Sexualtrieb ersetzte. Drumont war kein philosophischer oder politischer Antisemit wie Toussenel, auch kein theologischer wie Gougenot, er war ein erotischer Antisemit.
Es genügte, ihn reden zu hören, zum Beispiel in den lange sich hinziehenden Redaktionssitzungen.« Aus: Der Friedhof in Prag
Hauptmann Alfred Dreyfus
Französischer Offizier (1859–1935), geboren im Elsass als neunter Sohn eines jüdischen Textilunternehmers, seit 1872 in Paris, ab 1878 Ausbildung zum Artillerieoffizier an der École Polytechnique, Eintritt in die Armee, 1893 zum Hauptmann befördert und als stagiaire (Anwärter) zum Generalstab versetzt. Am 15. Oktober 1894 wird Dreyfus überraschend verhaftet, weil er geheime militärische Informationen über die französische Artillerie an den deutschen Militärattaché geliefert haben soll. Beweis: ein handgeschriebenes Schriftstück mit geheimen Informationen über die Artillerie (das sogenannte Bordereau), das angeblich eine in die deutsche Botschaft eingeschleuste Spionin dort in einem Papierkorb gefunden hat und dessen Handschrift angeblich mit der von Dreyfus identisch ist. Am 22. Dezember 1894 wird Dreyfus, der vergeblich seine Unschuld beteuert, wegen Hochverrats zu lebenslanger Verbannung auf die Teufelsinsel verurteilt, am 5. Januar 1895 wird er in einer öffentlichen Zeremonie im Hof der École Militaire vor zahlreich angetretenen Soldaten degradiert und kurz darauf nach Cayenne in Französisch-Guayana abtransportiert, wo er im April auf der Teufelsinsel eintrifft.
Dort verbringt er über vier Jahre in Einzelhaft unter schlimmsten Bedingungen, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu erfahren, dass in Frankreich mittlerweile eine lebhafte Diskussion über seinen Fall ausgebrochen ist (siehe Zeittafel, 1894 ff.), die schließlich dazu führt, dass er 1899 zwar erneut verurteilt, aber nach dem Wahlsieg der Linken 1902 und einer neuerlichen Diskussion um seinen Fall am 12. Juli 1906 freigesprochen und rehabilitiert wird. Nach Wiederaufnahme in die Armee und Beförderung zum Major lässt er sich 1907 in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Am 12. Juli 1935 stirbt Alfred Dreyfus an einem Herzinfarkt. Seine Enkelin Madeleine Lévy wird 1942 in Auschwitz ermordet.
»Die Truppen an den vier Seiten des weiten Hofes aufgestellt, Dreyfus trifft ein und muss fast einen Kilometer durch dieses Spalier von Tapferen gehen, die ihm, wenngleich mit ungerührter Miene, ihre Verach- tung auszudrücken scheinen, General Darras zieht den Säbel, die Fanfare ertönt, Dreyfus in Hauptmannsuniform marschiert auf den General zu, eskortiert von vier Artilleristen unter dem Kommando eines Sergeanten, Darras verliest das Degradierungsurteil, ein riesiger Gardefeldwebel mit Federbuschhelm tritt vor den Hauptmann, reißt ihm die Epauletten, die Tressen, die Knöpfe vom Rock, nimmt ihm den Säbel ab, zerbricht ihn auf seinem Knie und wirft die beiden Hälften dem Verräter vor die Füße.« Aus: Der Friedhof in Prag
Major Ferdinand Walsin-Esterházy
Französischer Offizier (1847–1923), nur entfernt über seinen Großvater, der ein unehelicher Sohn einer Gräfin Esterházy war, mit der bekannten österreichisch-ungarischen Adelsfamilie verwandt. Aufgewachsen in Paris, nahm er 1866 als Kavallerieoffizier am Italienfeldzug gegen Österreich teil, diente dann bei den päpstlichen Zuaven, danach in der Fremdenlegion, mit der er am Krieg 1870 teilnahm. 1877 wurde er dem Geheimdienst der Armee zugeteilt. Ab 1894 begann er auch für die deutsche Seite zu spionieren.
1895 wird er erstmals verdächtigt, der wahre Autor des Bordereau zu sein, für das Hauptmann Dreyfus auf die Teufelsinsel geschickt worden war. Eine Zeitlang versucht die Militärhierarchie die Affäre zu ersticken, aber als Mathieu Dreyfus, Alfreds älterer Bruder, im November 1897 an den französischen Kriegsminister schreibt und Esterházy als Autor des Borderau anklagt, beantragt dieser einen Prozess gegen sich selbst. Am 10. Januar 1898 wird er von einem unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagenden Militärtribunal freigesprochen, woraufhin Émile Zola sein berühmtes J’accuse! publiziert. Nach weiteren Enthüllungen zieht Esterházy es vor, sich im August 1898 nach London abzusetzen, wo er bis 1906 als Korrespondent der Zeitung La Libre Parole tätig ist. In der Zeitung Le Matin gab er 1899 zu, das Bordereau »auf Anweisung seiner Vorgesetzten« geschrieben zu haben.
»Er [ Major Ferdinand Walsin- Esterházy ] gab sich sehr dandyhaft, prahlte ständig mit seiner aristokratischen Herkunft und seiner Wiener Erziehung, erwähnte vergangene und zukünftige Duelle, dabei wusste man, dass er hoch verschuldet war, die Redakteure mieden ihn, wenn er sich mit vertraulicher Miene näherte, weil sie ahnten, dass er sie anpumpen wollte, und jeder wusste, wenn man ihm etwas lieh, sah man es nicht wieder.« Aus: Der Friedhof in Prag
Pjotr Iwanowitsch Ratschkowski
Russischer Geheimdienstagent (1853–1910), von 1884 bis 1902 Auslandschef der zaristischen Geheimpolizei Ochrana mit Sitz in Paris. Seine Hauptaufgabe war die Überwachung und Bekämpfung der ins Ausland geflüchteten russischen Revolutionäre, zu welchem Zweck er ein dichtes Agentennetz in halb Europa anlegte, mit dem er die Aktivitäten der russischen Revolutionäre auch in Russland selbst überwachen konnte. Ein begabter Fälscher und Intrigant, war er auch erfolgreich als Börsenspekulant, was ihm einen großzügigen Lebensstil in der Pariser Gesellschaft erlaubte. Seine typische Vorgehensweise: alles, was irgendwie als fortschrittlich auftrat, das ganze Spektrum der progressiven Bewegung von den gemäßigten Liberalen bis zu den radikalsten Revolutionären, als bloßes Werkzeug in den Händen der Juden hinzustellen, um so die Progressiven zu diskreditieren und zugleich den Hass der »Modernisierungsverlierer « auf die Juden zu lenken. Das Modell sollte eine große Zukunft haben.
»Ähnlicher einem Gepard als einem Löwen, notierte Simonini – und fragte sich, ob es weniger besorgniserregend wäre, nachts von Osman-Bey ans Ufer der Seine bestellt zu werden oder morgens von Ratschkowski in sein Büro in der russischen Botschaft an der Rue de Grenelle. Er entschied sich für Osman- Bey.« Aus: Der Friedhof in Prag
Juliana Dmitrijewna Glinka
Russische Diplomatentochter (1844–1918), aufgewachsen in Brasilien, dann in St. Petersburg Hofdame der Zarin Maria Alexandrowna, befreundet mit der Spiritistin und Theosophin Madame Blavatsky, 1881–82 in Paris als Agentin der Ochrana tätig, zugleich befreundet mit Juliette Adam, in deren Salon sie regelmäßig verkehrte. Ab 1895 lebte sie wieder vorrangig in St. Petersburg.
»In der Glinka hatte Simonini sofort eine mögliche Kundin erkannt. Er begann damit, sich neben sie zu setzen und ihr diskret den Hof zu machen – wozu er sich einen gewissen Ruck geben musste. Er war kein guter Richter in Fragen der weiblichen Reize, aber er hatte immerhin bemerkt, dass sie ein Mardergesicht mit zu eng an der Nasenwurzel stehenden Augen hatte.« Aus: Der Friedhof in Prag
Matvej (frz. Mathieu) Wassiljewitsch Golowinski
Russisch-französischer Agent und notorischer Fälscher (1865–1920), Assistent Ratschkowskis in Paris. Als Kind einer turbulenten Adelsfamilie frankophon erzogen (der Vater mit Dostojewski befreundet, er selbst als Schüler mit dem jungen Lenin), war er bereits in Russland als Medienexperte für antisemitische Kreise und für die Regierung tätig. 1894, nach der Thronbesteigung von Zar Nikolaus II., wird er von Maxim Gorki öffentlich als Spitzel entlarvt und muss sich nach Paris absetzen. Dort arbeitet er für Ratschkowski, den Chef des russischen Auslandsnachrichtendienstes Ochrana, wobei seine Aufgabe hauptsächlich darin besteht, gefälschte Artikel unter wechselnden Identitäten in der französischen Presse zu lancieren. Nach Ratschkowskis Tod 1910 geht er zurück nach Russland und arbeitet für diverse Machthaber, wobei er sich auch als Mediziner ausgibt und seine Schriften mit »Dr. Golowinski« unterzeichnet. Beim Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 wechselt er die Seite und arbeitet bis zu seinem Tod 1920 für die Bolschewiki, u. a. als Berater von Trotzki.
Burkhart Kroeber übersetzte u. a. Bücher von Umberto Eco, Italo Calvino, Fruttero & Lucentini und Die Brautleute von Alessandro Manzoni.
Bildnachweis:
Die Illustrationen von Augustin Barruel und Jakob Brafmann stammen aus dem Bildarchiv Umberto Ecos.
Die Bilder von Alexandre Dumas, Nino Bixio, Ippolito Nievo, Maurice Joly, Juliette Lamessine, Hermann Goedsche, Léo Taxil, Édouard Drumont, Alfred Dreyfus, Ferdinand Walsin-Esterházy und Pjotr Iwanowitsch Ratschkowski stammen aus wikimedia.
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