Männer mit dunklen Mienen
Die Protokolle der Weisen von Zion und die Anatomie der Verschwörungstheorie
von Philipp Blom
Männer mit dunklen Mienen versammeln sich in einem anonymen Raum. Sie sind Eingeweihte, Magier, Jesuiten, Hexen, jüdische Bankiers, Freimaurer, Rabbiner, Scheichs, hohe Militärs, Großindustrielle, gesichtslose Topmanager, Hacker, Geheimagenten, die verborgenen Puppenspieler der Welt; hochintelligent, strikt exklusiv, verschlagen und skrupellos. Sie treffen sich in unterschiedlichen Rollen und Jahrhunderten, aber ihr Ziel ist immer dasselbe: die Weltherrschaft, die Unterwerfung der anderen, die Zerstörung des Guten. Nur unter großen Opfern können sie daran gehindert werden.
Der geheime Feind ist zwar mächtig und mörderisch, seine bloße Existenz aber macht die Welt lesbar.
Etwas seltsam Tröstliches liegt in dieser bedrohlichen Vision, die nicht nur Bauplan für unzählige Hollywood-Produktionen ist, sondern von Verschwörungstheorien aller Art. Der geheime Feind ist zwar mächtig und mörderisch, seine bloße Existenz aber macht die Welt lesbar, gibt ihr die Transparenz zurück, die sie in unserem chaotischen Erleben immer wieder verlieren muss. Eine in unzählige, scharfkantige Tatsachen zersplitterte Realität kann wieder erzählt werden, mit fester Rollenverteilung.
Die ästhetisch spektakulärste und am besten durchdachte zeitgenössische Dramatisierung einer solchen Phantasie, der Film The Matrix (1999), zeigt eine Alltagswelt, die in Wahrheit eine gigantische Computersimulation ist. Im Krieg der Menschen gegen das von ihnen geschaffene Supersystem hat der Computer gesiegt und nutzt jetzt als Energiequelle ohnmächtig versklavte, in Glasbehälter eingesperrte Menschenleiber, deren Erleben virtuell vorgegaukelt wird, während die Lebenskraft ihrer Körper in einem Kraftwerk der Apokalypse das System antreibt. Neo, der Held des Films, wird zum Rebellen, der in der wüsten Dunkelheit der Welt außerhalb des Computerhirns versucht, die Menschheit von ihrer Hörigkeit zu befreien.
The Matrix ist der endzeitliche Alptraum des Internetzeitalters, in dem alle Erfahrung virtuell zu werden droht, in dem Individuen immer mehr zu Teilen eines Daten-Einspeisungssystems in ein allmächtiges Netzwerk zu werden scheinen, das längst seine eigenen Dynamiken generiert. Die Welt als Computerspiel, das ein Computer mit uns als Figuren spielt. Gleichzeitig ist sie Metapher einer globalen Wirtschaft, in der das Elend von zahllosen Arbeitssklaven in armen Ländern den konsumseligen Wohlstandstraum von wenigen im Westen möglich macht.
Nicht nur die Gegenwart spiegelt sich in Neos Kampf um Gerechtigkeit: Die virtuos verwobenen Motivstränge dieser postmodernen Vision führen vom Marxismus bis in die ältesten Mythen. Die sich selbst entfremdeten Körper, die willenlos mit einem technologischen System verkabelt sind, wecken Echos einer marxistischen Analyse einer industrialisierten Gesellschaft, in der Arbeiter an Maschinen gekettet werden, um ihren industriellen Fronherren Profite zu erwirtschaften. Von hier führen die thematischen Stränge weiter. Das gesichtslose System, im Film repräsentiert durch zwei maschinengleiche Killeragenten, steht für eine zweite Interpretation der industrialisierten Welt, die im späten neunzehnten Jahrhundert aufgekommen war: die Weltherrschaft eines verborgenen Systems, das in der nichtsahnenden Welt längst alle Fäden zieht. Vor hundert Jahren waren es die Kapitalisten oder die Freimaurer, die Journalisten und Industriebarone, waren es die Juden, denen antisemitische Autoren vorwarfen, die Macht heimlich an sich gerissen zu haben und Millionen von christlichen Europäern aus einem traditionellen Leben entwurzelt zu haben, um sie zu Maschinensklaven zu machen.
Die erst im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts emanzipierten Juden hatten tatsächlich rapide an sozialem, ökonomischem und intellektuellem Einfluss gewonnen, weil die Strukturen ihrer eigenen Kultur und ihre historische Erfahrung sie für den Erfolg in einer bildungsorientierten, internationaler werdenden Welt prädestinierten. Dieser assimilatorische Aufstieg wurde ihnen vorgeworfen, und als ewige Außenseiter wurden sie mit der Transformation identifiziert, die auch ihre Befreiung gebracht hatte: der Säkularisierung, der Demokratisierung, der Aufklärung, die viele von ihnen als Bildungsbürger so enthusiastisch zu eigen machten. Von ihren Feinden wurden sie schon aus antimodernen Reflexen mit der gesichtslosen Macht der »modernen«, industriellen Gesellschaft identifiziert. Den Marxisten konnten sie als kapitalistische Ausbeuter gelten, den Katholiken und Protestanten als Zerstörer der christlichen Zivilisation, den Konservativen als Feinde einer althergekommenen, tugendhaften Welt.
Die »jüdische Weltverschwörung« ist die vielleicht verhängnisvollste aller Verschwörungstheorien der Moderne.
Die »jüdische Weltverschwörung«, die Urahnin von Weltbeherrschungs-Phantasien wie The Matrix, ist die vielleicht verhängnisvollste aller Verschwörungstheorien der Moderne, eine Geschichte, deren Entstehung sich liest wie ein Kriminalroman, denn diese Mär hat ein Gründungsdokument. Zum ersten Mal erschien diese Schrift mit dem Titel Die Protokolle der Weisen von Zion 1905 in Russland. Sie gibt vor, die Gesprächsprotokolle eines Geheimtreffens zwischen jüdischen Verschwörern zu sein, die unter dem Motto »Täuschung und Gewalt« die Unterwerfung der Welt planen und in allen Details diskutieren.
Die Protokolle wurden wohl in Sankt Petersburg gefälscht, wahrscheinlich von Matwei Golowinski, dem Sohn einer aristokratischen Familie und Agent des zaristischen Geheimdienstes Ochrana, der auch einige Zeit in Paris verbracht hatte. Sein Auftraggeber, der Geheimdienstchef Pjotr Ratschkowski, wollte mit diesem Kunstgriff den für russische Verhältnisse allzu liberalen Premierminister Sergej Witte, der mit einer Jüdin verheiratet war, diskreditieren. Der Fälscher Golowinski konnte sich nicht träumen lassen, was für einen enormen Erfolg und Einfluss sein kleines Machwerk haben würde. Noch heute kursiert der Text in verschiedensten Sprachen und Ausgaben, gedruckt und im Internet. Arabische Herrscher nennen ihn als Inspiration für ihre Politik Israel und den Juden im eigenen Land gegenüber, ganz so, wie sich einst die Mörderbanden der Schwarzen Hundert in Russland und die Kommandos der SS darauf beriefen.
Der russische Agent hatte die Geschichte nicht frei erfunden, wenn auch seine Belege nicht Dokumente waren, sondern polemische Romane. Als Vorlagen benutzte er nicht nur eine antijüdische russische Schmähschrift des zum Christentum konvertierten Jakow Aleksandrowitsch Brafmann, sondern auch den 1868 erschienenen antisemitischen Erfolgsroman Biarritz des deutschen Autors Hermann Goedsche, der im Auftrag des preußischen Geheimdienstes Dokumente fälschte und später als Sir John Retcliffe Abenteuerromane schrieb, bevor er sich ganz seinem ideologischen Kampf gegen England und die Juden widmete. Das von Goedsche geschilderte fiktive Treffen von Abgesandten der zwölf Stämme Israels auf einem jüdischen Friedhof in Prag bot dem mutmaßlichen Autor der Protokolle das Handlungsgerüst.
Eine weitere Quelle war eine satirische Erzählung des französischen Schriftstellers Maurice Joly, der in einem Dialog in der Hölle den berüchtigten Staatsphilosophen Machiavelli und den Frühaufklärer Montesquieu zu Wort kommen ließ, ein Text, der mit Judenhass nichts zu tun hatte. Seine Argumente und Strategien der Unterdrückungsherrschaft (er selbst hatte dabei an den autokratischen Napoleon III. gedacht) wurden in den Protokollen aber zum thematischen Leitfaden. Es war naheliegend für Golowinski, Jolys Roman zu gebrauchen: Während seiner Pariser Jahre hatte er mit dessen Sohn Charles zusammen bei der Zeitung Le Figaro gearbeitet, und Charles besuchte ihn 1902 in Sankt Petersburg – ein Jahr vor Veröffentlichung der Protokolle.
Nicht nur gegen die Juden richtete sich die ursprüngliche Version der Protokolle. Golowinski und sein Zahlmeister hatten auch die Freimaurer im Visier, denen sie unterstellten, im Namen der Aufklärung die Macht des orthodoxen Zaren zu unterwandern. Auch hier diente Goedsches Verschwörungsphantasie Biarritz als Inspiration, denn der deutsche Autor selbst hatte sich ausführlich in einer Erzählung von Alexandre Dumas père bedient, in der niemand anderes als der geheimnisumwitterte Graf Cagliostro auf eine Gruppe von Freimaurern trifft, die den französischen König stürzen wollen. Freimaurer und Juden waren ideale Ziele, auf die sich auch die abenteuerlichsten Hypothesen projizieren ließen.
Die Kette der literarischen Einflüsse und Assoziationen der Protokolle führt von einem russischen Aristokraten und späteren Bolschewiken zum literarischen Alter Ego des Italieners Joseph Balsamo alias Graf Cagliostro, des berüchtigten Hochstaplers und Betrügers, der fast zwei Jahrhunderte zuvor gelebt hatte, von einer Friedhofsszene zum Freimaurertum, vom Ewigen Juden zur modernen Wirtschaft. Die Protokolle sind ein Konglomerat aller Verschwörungen, ein magisches Elixier aus dunklen Machenschaften, geheimer Macht, religiösen Motiven und legendären Gestalten.
Die Protokolle wurden schon bald als Fälschung und Plagiat entlarvt, aber ihre Anziehungskraft hat sich als magisch erwiesen. Schließlich ist der Wille zum Glauben oft mächtiger als die Fähigkeit, Tatsachen zu ertragen, und wer diesen Glauben sucht, der findet noch in der Entlarvung selbst den Beweis für die Unterdrückung der Wahrheit von Seiten der Mächtigen, des Establishments, der Elite.
Auch Lügen haben eine Geschichte
Auch Lügen haben eine Geschichte, eine Ahnenreihe. Die Traditionen der Angst und der Verdächtigungen reichen weit über das neunzehnte Jahrhundert hinaus. Die Idee einer jüdischen Verschwörung ist so alt wie die Diaspora. Schon im alten Rom behaupteten Gerüchte, die Juden opferten Menschen auf ihren Altären. Im christlichen Europa wurden die Juden dann zu kaum geduldeten Feinden des Glaubens, denen Brunnenvergiftung und Ritualmorde vorgeworfen wurden. Als »verstockte« Religion, die den Heiland Christus nicht akzeptiert habe, wurde das Judentum von der Kirche verteufelt und seine Riten mit Misstrauen betrachtet.
Die Motive dieser Anschuldigungen waren begründet im magischen Denken.
Die Ritualmordlegende warf jüdischen Gemeinden vor, zum Pessach- Fest einen christlichen Knaben zu stehlen und sein Blut im ungesäuerten Brot zu verbacken. Die Motive dieser Anschuldigung waren begründet im magischen Denken: Juden wurden effektiv beschuldigt, durch die Ermordung eines Christenjungen in einer Art Voodoo-Ritual den Tod Jesu symbolisch nachzuvollziehen und so das Christentum schädigen zu wollen. Die Beschuldigungen von Brunnenvergiftungen übertrugen diesen magischen Verdacht in die alltägliche Welt, in der ein Tierkadaver im Trinkwasser oder ein Krankheitserreger ganze Bevölkerungen dezimieren konnten. Die Juden, die nicht dasselbe aßen wie ihre christlichen Nachbarn, wurden leicht Opfer von Anschuldigungen, die oft in Verfolgungen, Prozessen oder sogar in Mordorgien mündeten.
Fiktionen können gewaltige Wirkung erzeugen. Nach einer Welle von Pogromen, die durch den Fund eines toten Kindes in Norwich ausgelöst wurde, wurden mehr als dreißig Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihre Glaubensbrüder und -schwestern wurden aus England vertrieben, und erst 1655 wurde ihnen wieder erlaubt, sich dort anzusiedeln. Im Zarenreich trieb die Ritualmordlegende tiefe Wurzeln. Noch 1913 wurde ein jüdischer Buchhalter, Menachem Bejlis, in Kiew angeklagt, einen christlichen Knaben erstochen und dessen Blut für rituelle Zwecke missbraucht zu haben. Zehn Jahre zuvor waren wegen einer ähnlichen Anschuldigung in Kischinjow (heute Chisiau in Moldawien) 49 Menschen in einer Nacht ermordet und rund 700 Häuser geplündert worden.
Mit der Spaltung des westlichen Christentums in Katholizismus und Protestantismus erfuhr auch das christliche Misstrauen den Juden und Liberalen gegenüber eine Reihe von Modulationen. Die Reformation brachte eine neue Welle antisemitischer Propaganda – anfangs sehr judenfreundlich, war Luther schon bald enttäuscht, dass die Juden sich weigerten, seine Lehre als Wahrheit anzuerkennen und sich zu bekehren.
Motivation und Anfangsenergie des Protestantismus lagen im Widerstand gegen den Ablasshandel, einer »Verschwörung« der Kirchenfürsten gegen die Gläubigen, und die Forderung danach, endlich persönlichen Zugang zu den Quellen, zum Text der Bibel und seiner Auslegung zu bekommen, war zentral. Nicht nur antisemitische Vorurteile erhielten einen neuen Impetus durch die Reformation; eine neue Form der Verschwörungstheorien kam in Mode. Der Protestantismus bot einen direkten Zugang zu Gottes Wahrheit und machte jede Art von Hierarchie, die sich zwischen den Gläubigen und die Wahrheit schob, verdächtig, zumal mit der Idee der direkten Beziehung zum Schöpfer auch die Furcht vor dem Strafgericht ins Zentrum der theologischen Debatten rückte. Die korrupte Kirche, die ihre Gläubigen in Unwissenheit hielt, riskierte ihr Seelenheil.
Der Verdacht, dass eine nebulöse Verschwörung von Fürsten und Priestern sich zum Ziel gesetzt hatte, ihre Untertanen ignorant zu halten, zu unterdrücken und auszubeuten, kursierte in der protestantischen Literatur und wurde Teil des vitalen Kreislaufs der Verschwörungstheorien. Schließlich bot der Protestantismus durch das Entschlüsseln der Geheimnisse Gottes durch Studium und Schriftauslegung einen direkten Zugang zur offenbarten Wahrheit. In der Heiligen Schrift fanden sich genug Passagen, die als Prophezeiungen an politische Verhältnisse angepasst werden konnten, von der Hure Babylon und dem Schwefelregen von Sodom und Gomorrha bis hin zum Weltgericht und den untrüglichen Zeichen für das apokalyptische Ende der Geschichte.
Aus den Reihen der protestantischen Sektierer, die um ihres persönlichen Zugangs zur Wahrheit willen lieber auswandern wollten als ihn aufzugeben, rekrutierten sich im siebzehnten Jahrhundert die ersten weißen Siedlers Nordamerikas, noch heute die Hochburg von Verschwörungstheorien aller Art, die oft in bemerkenswerter Weise in den religiösen Strukturen der protestantischen Gründer- väter verhaftet sind, wenn sich auch Vokabular und Requisiten im jeweiligen Kontext ändern, wie in der postmodernen Netzwerk- Dystopie The Matrix.
Spätestens dies ist der Auftritt der größten Verschwörungsmaschine aller Zeiten.
Spätestens dies ist der Auftritt der grössten Verschwörungsmaschine aller Zeiten, des Internets. Bei Google hat die Suche nach »conspiracy« rund 69 Millionen Resultate: Sites für einzelne Theorien, Sammlungen von Indizien, Chatrooms – eine Dämmerwelt der Apokalyptiker, Experten und Propheten. Jede Theorie hat hier ihre fanatischen Verfechter, jede Form der ideologiegewordene Angst ihre Exponenten.
2008 ermittelte die Tageszeitung The Daily Telegraph mit dem untrüglichen populistischen Gespür der britischen Presse eine Hitliste der zehn populärsten Theorien. Natürlich ist es der 11. September 2001, der diese Aufstellung anführt; hat die US-Regierung alles inszeniert, um eine neue Ära der aggressiven amerikanischen Weltherrschaft zu rechtfertigen? Weiter geht es mit John F. Kennedy, einer augenscheinlich echten Verschwörung, die noch immer Rätsel aufgibt, und auch die Nummern drei und vier und fünf sind genuin amerikanisch: Obama ist kein Amerikaner und ein Muslim, ein Nazi, ein Sozialist, ein Agent des Islam; die Landung von Außerirdischen 1947 in Roswell und der Betrug der NASA, die niemals auf dem Mond gelandet war und der Welt falsche Filme vorspielte.
Auf dem fünften Rang dieser zweifelhaften Liste kommen endlich die Illuminati, jene schattenhafte Sekte, die eine neue Weltregierung vorbereitet und ihre Herrschaft durch Manipulationen aller Art durchsetzt, besonders in der Hochfinanz, der Kontrolle der öffentlichen Meinung und dem Unterlaufen der sozialen Ordnung. Besonders die UNO, der Internationale Währungsfond und die Europäische Gemeinschaft werden immer wieder als Agenten dieser Verschwörung genannt. Dies ist ein modernes Gesicht der Protokolle der Weisen von Zion (das andere, noch immer explizit antisemitische hält sich vor allem in der arabischen Welt).
Auf den billigen Plätzen der Bestenliste lümmeln sich alte Bekannte: Jesus überlebte die Kreuzigung, heiratete Maria Magdalena und wanderte nach Südfrankeich aus; Diana, Princess of Wales, wurde ermordet; der King, Elvis Presley, lebt; AIDS ist ein Komplott der US-Regierung gegen Afrikaner und Homosexuelle; der Klimawandel ist eine Fiktion machtgieriger Spekulanten und Wissenschaftler; die Evolution eine säkulare Travestie der göttlichen Schöpfung; das mysteriöse MK ULTRA Programm der Bewusstseinskontrolle in den USA der 1950er und 60er Jahre – die Welt der Verschwörungen bietet für jeden etwas. Literarische Gemüter haben immer noch die altbewährte Debatte über die wahre Identität Shakespeares.
Die Illuminati verdanken ihren Erfolg auch den Protokollen der Weisen von Zion und haben sich besonders nach dem internationalen Erfolg von Dan Browns Mysterien- und Historienschinken als ein besonders fruchtbares Feld für phantasievolle Theoretiker erwiesen, die in den »Erleuchteten« der Gegenwart die Erben der Tempelritter erkennen wollen, die Gralshüter, Freimaurer nach altem Ritus, Rosenkreuzer und Kabbalisten. In einer Zeit, der die spirituellen Antworten ihrer Geschichte abhandengekommen sind, bietet dieses reiche und betörende Gebräu an Mittelalter, Christentum und Marktwirtschaft eine Möglichkeit, sich vorübergehend zu berauschen.
Verschwörungstheorien sind im Blutkreislauf unserer Kultur.
Die grauen Eminenzen der Protokolle der Weisen von Zion sind in unsere Kultur als Illuminati zurückgekehrt, die in Romanen und Kinofilmen ihren Einfluss auf die Welt geltend machen – und damit unversehens auch tatsächlich einen Einfluss auf das Publikum ausüben. Der protestantische Reflex unserer Kultur sieht instinktiv noch immer das Weltgericht als greifbar nah, unmittelbar bedrohend. So produziert Hollywood in jeder Saison mindestens einen Blockbuster, in dem ein einsamer Held die Welt vor einer schrecklichen Verschwörung retten muss, ein Format, das sich ungetrübter Be- liebtheit erfreut, von Arnold Schwarzenegger als Terminator zu den James-Bond-Filmen und zu Star Wars, Hitchcocks North by Northwest und populären Fernsehserien wie The X-Files und 24. Verschwörungstheorien sind im Blutkreislauf unserer Kultur.
Das protestantische Erbe beherrscht einen Großteil der heutigen Verschwörungstheorien, aber nicht nur die Nachfolger von Luther und Zwingli hatten die Tendenz, überall dunkle Kabalen zu sehen. Während Protestanten der katholischen Kirche vorwarfen, als geheime und von innen her verrottete Macht die Erlösung der Seelen zu gefährden und die Angst vor dem Jüngsten Tag für diesseitige Machtinteressen zu instrumentalisieren, entwickelten Katholiken ihrerseits der neuen Häresie gegenüber Verdachtsmomente, die immer auch Hand in Hand mit politischen Interessen gingen. Was waren die abtrünnigen Christen anderes als eine Kabale gegen die Wahrheit des Schöpfers und die Macht der katholischen Prinzen? Waren nicht alle Ketzer mit dem Teufel im Bunde?
Am 24. August 1572 entluden sich das Misstrauen und der Hass der katholischen Bevölkerungsmehrheit in Frankreich in einem für den katholischen Hof ausgesprochen opportunen Massaker an französischen Hugenotten, das als Bartholomäusnacht in die Geschichte einging, ein Gemetzel, das sich auch auf die Provinzen ausweitete und bei dem bis zu 15 000 Protestanten ermordet wurden.
Die Bartholomäusnacht war ein schreckliches Pogrom gegen eine Minderheit, die auch weiterhin unter Generalverdacht blieb. In der kulturellen Ikonographie wurde sie mit anderen, meist progressiven Minderheiten identifiziert. Protestanten, Freidenker, Juden und Atheisten (die schlimmste Anschuldigung von allen) wurden aus identischen Gründen besonders in Frankreich zu Staatsfeinden erklärt, zur Bedrohung von Sitte und Ordnung, weltlicher und geistiger Macht.
Der katholische Bruderkrieg in Frankreich zwischen Jansenisten und Jesuiten sowie die Verfolgung aller freidenkerischen Tendenzen führte zusätzlich zu unendlich vielen wirklichen Intrigen und Komplotten, wie der berüchtigten Giftmischer-Affäre, die gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts den Königshof und die Öffentlichkeit erschütterte. Abweichende Meinungen und politische Diskussionen wurden mit großer Gewalt unterdrückt, aber auch Zensur und willkürliche Verhaftungen konnten den heimlichen Publikationen, klandestinen Bruderschaften und unausgesprochenen Allianzen keinen Einhalt gebieten, ganz zu schweigen von Einmischungen aus dem Exil, den Schriften eines Descartes, eines Pierre Bayle, La Mettrie oder Voltaire.
Im achtzehnten Jahrhundert war das katholische Frankreich ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien. Überall sahen Menschen verborgene Gegner, politische Coups, Denunziation und Heimtücke, die oft grausame Wirklichkeit wurden. 1761 wurde der Hugenotte Jean Calas beschuldigt, seinen Sohn erwürgt zu haben, um ihn am Übertritt zum Katholizismus zu hindern. Die Rache der Kirche, der die Hugenotten noch immer ein Dorn im Auge waren, traf den unschuldigen Vater mit aller Macht, und er wurde gerädert und dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Angeklagten, die des Atheismus beschuldigt wurden, ging es nicht besser.
So kam es, dass Dissidenten wie in jeder Diktatur im Ver- borgenen agieren mussten, als tatsächliche Verschwörer. Die atheistischen Manifeste des mutigen, ursprünglich aus Deutschland stammenden Baron d’Holbach wurden heimlich kopiert, außer Landes geschmuggelt, in Amsterdam unter Angabe eines falschen Autors, Publikationsortes und Datums gedruckt und dann in Heuballen, doppelbödigen Heringsfässern und Diplomatengepäck wieder nach Frankreich importiert. In seinem Salon traf sich ganz Europa, Philosophen und Wissenschaftler konnten hier offen debattieren. An die Außenwelt dringen durfte allerdings nichts, sonst wären die Gäste ihrer Freiheit und auch ihres Lebens nicht sicher gewesen.
Die radikalen Aufklärer um den Baron d’Holbach und seinen Freund Denis Diderot mussten sich nicht nur konspirativ verhalten, sie selbst sahen in der Gesellschaft solche Tendenzen am Werk. Von dem zornigen Atheisten Jean Meslier (der sein ganzes Leben als Landpfarrer verbracht hatte und abends bei Kerzenlicht in verzweifelter Rage ein vielhundertseitiges spirituelles und politisches Testament verfasste) borgten sie die Idee, Frankreich und andere feudale Staaten seien nichts als eine »Verschwörung der Priester und Magistrate«, in der Angst vor der Hölle und gewaltsame Unterdrückung Hand in Hand arbeiteten, um das einfache Volk willig zu halten und Steuern zu kassieren, um eine Klasse von Schmarotzern zu finanzieren.
Während Holbach und Diderot die christliche Gesellschaft selbst als Verschwörung gegen die Menschlichkeit analysierten, wurde auch Holbachs Salon als schändliche Kabale dargestellt. Konservative Publizisten nannten sie la secte des empoisonneurs, die Sekte der Giftmischer, was sie in den Augen der Kirche sicherlich auch waren, oder la secte des encylopédistes, die enzyklopädische Sekte, nach dem von Diderot herausgegebenen Großwerk, an dem viele seiner Freunde beteiligt waren.
Jean-Jacques Rousseau, der ehemalige Busenfreund und spätere erklärte Feind von Diderot, ging noch einen Schritt weiter und beschuldigte den Baron und seine Gäste, la cotérie Holbachique (also etwa Holbachs Clique, wie er sie nannte), systematisch seine Vernichtung zu betreiben und ihrerseits eine tyrannische Herrschaft des Unglaubens vorzubereiten. Zunehmend von Paranoia verfolgt, sah er Verschwörungen gegen sich überall. Auch die Gesellschaft, die er in der Zukunft verwirklichen wollte, war von solchen Ideen geprägt. Sein Gesellschaftsentwurf in Der Sozialvertrag läuft darauf hinaus, dass eine Gruppe von tugendhaften Wissenden die Belange der anderen im Namen des allgemeinen Willens lenkt und Dissidenten mit Zensur, Polizei und notfalls durch Hinrichtung mundtot macht. Die Gewaltherrschaft der Illuminati aus der Feder eines Philosophen der noch heute als Freiheitsapostel gilt, eineinhalb Jahrhunderte vor den Protokollen.
Frankreich blieb bis ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein ein wahres Gewächshaus für Verschwörungstheorien.
Frankreich blieb bis ins späte neunzehnte Jahrhundert hinein ein wahres Gewächshaus für Verschwörungstheorien und tatsächliche Verschwörungen, von denen eine drohte die gesamte Gesellschaft zu spalten. Die Weltsicht vieler katholischer und konservativer Bourgeois, Militärs und Kleinbürger fixierte sich schon bald auf die Juden als Feindbild, das sie als Verkörperung eines internationalen Kapitalismus ohne Tradition und Stolz sahen. Ihre Ängste manifestierten sich in einem tiefsitzenden Antisemitismus, der von Bestsellern wie Edouard Drumonts La France juive (1886) und von antisemitischen Zeitungen weiter angeheizt wurde. Als der jüdische Elsässer Hauptmann Alfred Dreyfus vor einem Militärgericht der Spionage gegen das eigene Land angeklagt wurde, polarisierte der Fall die Öffentlichkeit.
Dreyfus war der perfekte Kandidat als Sündenbock der Nation. Als Elsässer stand er von vorneherein im Verdacht, dem deutschen Erbfeind zu nahe zu sein. Als jüdischer Offizier wurde er als Agent des Internationalismus an der Speerspitze der Nation wahrgenommen, als französischer Jude galt er als ehrgeiziger Emporkömmling, dessen Motivation nicht zu trauen war.
Noch während der Hauptmann in Untersuchungshaft war, wurde der wirkliche Autor des wichtigsten Beweisstückes bekannt, wurde aber von einem Militärgericht einstimmig freigesprochen. Dreyfus hingegen wurde 1894 zu zehn Jahren Zwangsarbeit verur- teilt. Vor hunderten seiner Kameraden wurde Dreyfus zeremoniell degradiert, sein Säbel vor ihm zerbrochen. Dann trat er seine Verbannungsstrafe auf der Teufelsinsel an.
Als die Fakten des Prozesses in den folgenden Jahren offengelegt wurden, wurde deutlich, dass der Hauptmann nicht nur Opfer eines Justizirrtums geworden war, sondern einer Verschwörung von Seiten antisemitischer Offiziere, Richter und Politiker, die versuchten, den wahren Schuldigen, der während der Verhandlungen nicht einmal als Zeuge vernommen worden war, zu decken. Eine Welle der Empörung erhob sich im liberalen Lager, während die konservativ eingestellten Anti-dreyfusards darauf bestanden, er sei rechtmäßig verurteilt worden. Am 13. Januar 1898, dem Höhepunkt der Kontroverse, in der Familien zerbrachen und alte Freunde einander zu meiden begannen, publizierte der Schriftsteller Émile Zola sein J’accuse! als bewusste Provokation gegen die Regierung.
Noch fast ein Jahrzehnt sollte vergehen, bis Dreyfus 1906 rehabilitiert wurde, ein Jahrzehnt, das Zola nicht vollenden sollte. Er wurde 1902 im Schlaf erstickt, nachdem ein Dachdecker, ein Dreyfus-Gegner, aus Verbitterung den Schornstein des Schriftstellers verstopfte, um ihn für seine Artikel zu bestrafen. Die Bitterkeit aber dauerte an; eine ganze Gesellschaft war von einer Verschwörungstheorie, dem Antisemitismus, vergiftet worden, und das Gift hatte nicht nur Zolas Leben gefordert, sondern auch das von Dutzenden von Duellanten. Die Protokolle der Weisen von Zion entstanden in diesen Jahren, geschrieben in Russland von einem Journalisten und Spion, der noch kurz zuvor in Paris gearbeitet hatte und von seinen französischen Freunden mit Literatur und Geschichten beliefert wurde.
Jede Epoche hat ihre Sündenböcke, im Mittelalter waren es die Juden als Brunnenvergifter.
Dreyfus wurde Opfer der katholisch-konservativen Angst vor den Symptomen einer neuen, wissensbasierten, geldorientierten und säku- larisierten Machtelite. Je nach Kontext wurden Juden, Freimaurer, elitäre Wissenschaftler oder obskure Großindustrielle als Verant- wortliche identifiziert, dunkle Mächte, die hinter verschlossenen Türen Pläne schmieden. Jede Epoche hatte ihre Sündenböcke. Im Mittelalter waren es die Juden als Brunnenvergifter, während der Renaissance die Hugenotten, im achtzehnten Jahrhundert die philosophes und die Freimaurer, im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert die Juden, die Kommunisten beziehungsweise die Imperialisten im Kalten Krieg, heute sind es die üblichen Verdächtigen. Die Statisten verändern sich, das Stück und seine Handlung bleiben gleich.
Um eine Handlung geht es also, um das Erzählen, um den uralten, goldenen Ariadnefaden aus dem Labyrinth, um die Verführung und die Gefahren von Geschichten. Zu einem dichten Gewebe werden sie, nahtlos verflochten mit unseren primitivsten Ängsten. Jede ihrer Fasern führt direkt zum Spinnrad der Parzen, die das Schicksal durch ihre mitleidlosen Finger rinnen lassen. Diese Geschichten prägen sich uns ein und wirken auf uns, weil sie in unserem individuellen und kollektiven Gedächtnis Resonanzen wecken. Ihre kulturellen Resonanzen sind umso mächtiger, je weiter sie zurückreichen.
Was all diesen Geschichten gemein ist, ist die optimistische, eigentlich religiöse Haltung derer, die an sie glauben. Der Optimismus ist existentieller Art. Er beginnt mit dem Axiom, dass diese Welt im Prinzip lesbar ist, dass trotz des scheinbaren Chaos um uns her eine heimliche Ordnung herrscht, dass unser Leben und Sterben in einem sinnvollen Zusammenhang erklärt werden kann. Gegen die humanistisch-liberale Verzweiflung derer, die sich in einem leeren Universum ohne göttliche Gerechtigkeit und ohne Bedeutung verloren vorkommen, setzt der Verschwörungstheoretiker die optimistische Überzeugung, dass die Welt zwar pervers ist, fehlgeleitet und von mächtigen Gegnern kontrolliert, dass sie aber auch im Prinzip sinnvoll ist, dass ihre eigentliche Gerechtigkeit nur korrumpiert wurde, dass es eine Ordnung der Dinge gibt, die wiederherzustellen ist. Ein Verschwörungstheoretiker ist ein instinktiver Platonist.
Eine Verschwörungstheorie bietet den existentiellen Trost der Welterklärung, eine einfache Antwort auf komplizierte Probleme. Sie identifiziert einen Feind, und die Lösung des Problems scheint in dessen Eliminierung zu liegen. Sie gibt den Einzelnen eine Geschichte, die er/sie über sich und seinen/ihren Ort in der Welt erzählen können. Sie kennt nur eine Wahrheit, eine Erlösung und ist damit in ihrem Kern religiös. Don Quichote war der emblematische Verschwörungstheoretiker – er konnte die Realität seines Lebens weder verstehen noch ertragen, also träumte er sich in eine Welt hinein, in der er einen Ort hatte, eine Mission, einen Feind.
Als Geschichte, die den Menschen ihre Orientierungslosigkeit abnimmt, rührt auch die abstruseste Weltherrschaftsphantasie an tiefe Bedürfnisse. Die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, schaffen Selbstbild und Weltverständnis, schaffen die Welt selbst. Aus der Frustration über Zufall und Ungerechtigkeit entstanden, identifizieren sie die vermeintlich Schuldigen. Von dort bis zur Tat, zur Hexenjagd und zum Mord ist es nur noch ein kurzer Schritt.
Die Protokolle der Weisen von Zion haben sich tief in die Denkmuster der westlichen und der arabischen Welt eingebrannt, denn in ihnen laufen zahlreiche motivische Stränge zusammen, von uralten Gruppenängsten zu der protestantischen Wahrheitssuche, dem aufklärerischen Kampf gegen die allmächtige Kirche und der reaktionären Angst vor neuen Eliten, von antikolonialen Ressentiments bis hin zu den Illuminati. Sie schöpfen ihre Kraft nicht daraus, dass sie wahr sind (denn sie sind es nicht), sondern dass sie Furcht und Frustration von Menschen aus sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten und sozialen Klassen ansprechen.
Ihre eigentliche Kraft liegt im emotionalen Sog, den sie ausüben, im Versprechen von Sinn, von einem Ganzen, an das man glauben kann.
Die Protokolle sind das Konglomerat so vieler Motive, dass es letztendlich gleichgültig ist, ob sie nun wahr sind, ob sie den (ohnehin von den Mächtigen manipulierten) Tatsachen entsprechen. Verschwörungstheorien müssen ausreichend viel Wahrheit beinhalten, um plausibel zu sein, aber ihre eigentliche Kraft liegt im emotionalen Sog, den sie ausüben, im Versprechen von Sinn, von einem Ganzen, an das man glauben kann und dessen Teil man wird. Ob oder inwiefern Geschichten wahr oder unwahr sind, ist gleichgültig. Was zählt, ist nur, ob es starke Geschichten sind.
Das zwanzigste Jahrhundert sah Pogrome und Völkermorde, die stalinistischen Schauprozesse, die chinesische Kulturrevolution, die Schreckensherrschaft des Pol Pot, die mörderischen Diktatoren Afrikas und Südamerikas und die antikommunistische Hysterie der McCarthy-Ära. Jede dieser Greueltaten und Hetzkampagnen war um eine Geschichte gewoben, die mit realen Ängsten spielte, eine Verschwörungstheorie, wie sie auch heute noch weithin zirkulieren – Muammar al-Ghaddafi und Robert Mugabe sind die Dinosaurier dieser paranoiden Zunft, Hugo Chávez und Mahmud Ahmadi- nedschad ihre willigen Eleven.
Unter britischen Historikern kursiert das Sprichwort, die Geschichts- schreibung ließe sich in zwei Lager unterteilen: diejenigen, die es mit Cleopatras Nase halten, und diejenigen, die nur an den cock-up glauben. Die Version nach Cleopatra geht wie folgt: Wäre die Nase der Pharaonin etwas kürzer oder länger gewesen, wäre ihre Schönheit nicht so perfekt, dann hätten sich Cäsar und Marcus Antonius nicht in sie verliebt, das Römische Reich wäre nicht zerbrochen. Die Version des cock-up, also des Mistbauens, besagt ganz einfach, dass Pläne niemals direkt umsetzbar sind, dass die Welt zu komplex ist, dass immer irgendein trivialer Fehler zu einem völlig anderen, normalerweise schlechteren Resultat führt als erhofft.
Beide historische Sichtweisen lassen wenig Spielraum für Verschwörungstheorien. Die Schule von Cleopatras Nase betont die Macht des Schicksals, die unwiderstehliche Faktizität der kleinen Dinge. Demgegenüber ist jeder Versuch, die Gesetze der Welt durch Manipulation zu überlisten, zum Scheitern verurteilt. Das zweite Lager ist noch skeptischer. Irgendjemand baut immer Mist, und so wird auch keine noch so ausgefeilte Verschwörung eine Chance auf dauerhaften Erfolg haben, irgendwo fliegt immer eine altersschwache Möwe ins Triebwerk, und ein Kind rennt zum falschen Moment über die Straße. Es sind nicht die hochintelligenten, unbesiegbaren Neos wie in The Matrix, die realen Verschwörern von Catilina im alten Rom bis hin zu Graf Stauffenberg zum Verhängnis wurden, sondern dumme Zufälle und menschliche Unzulänglichkeit.
Dies ist die Sicht der Geschichte, vor der umgekehrt Verschwörungstheorien Zuflucht bieten. Viele suchen diese Zuflucht, denn es ist nicht leicht, sich in einer zufälligen, unordentlichen und unerklärbaren Welt zurechtzufinden. Jeder Verschwörungstheorie liegt der Wunsch zugrunde, eine Geschichte über sich selbst zu erzählen und die Welt so transparent zu machen, Schuldige zu identifizieren, sie zu beseitigen, die ursprüngliche Ordnung der Dinge wiederherzustellen.
Die Männer mit den finsteren Mienen sind Abgesandte einer dunklen Macht, die alles unterjochen will – und auf einmal wird klar, warum die Welt scheinbar so verworrene, irrwitzige Wege geht. Der Ariadnefaden glänzt golden in der Dunkelheit des Labyrinths. Wenn wir die Wahl zwischen einer schlechten Wirklichkeit und einer guten Geschichte haben, nehmen viele immer noch lieber die Geschichte.
Philipp Blom ist Historiker und Schriftsteller und lebt in Wien. Er schreibt regelmmäßig für europäische und amerikanische Zeitschriften und Zeitungen. Bei Hanser erschienen Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914 (2009) und Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung (2011).
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